Agile Verfahren in der Automobilproduktion

Kurze Zyklen, Entwicklung im Team – die agile Denkweise ist in der Automobilbranche angekommen. Was Berufsanfänger erwartet, beschreibt Michael Springer, Scrum-, Agile-Coach und Trainer beim IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen msg.

Agilität bedeutet Flexibilität: In einer agilen Softwareentwicklung arbeiten kleine Teams von maximal neun Personen in kurzen Zyklen beziehungsweise Sprints zusammen. Eine maximal dynamische und zielgerichtete Ausrichtung ermöglicht es, auf die sich kontinuierlich ändernden Kundenwünsche zeitnah zu reagieren. Nach jedem Zyklus erhält der Kunde ein potentiell verwertbares Produkt. Dieses ist möglicherweise noch nicht vollständig ausgereift, bietet dem Empfänger aber einen Mehrwert. Das Team produziert somit nah am Markt, anstatt nach monatelanger Arbeit im ,Kämmerlein’ ein Produkt zu liefern, das bereits veraltet ist, bevor es im Regal liegt.

Agil in der Automobilproduktion?

Die Zyklen der Fahrzeugherstellung werden zunehmend kürzer. Während es in Deutschland noch Modellentwicklungszyklen von über 36 Monaten gibt, treiben Hersteller wie Toyota, Peugeot oder Tesla den Markt vor sich her – und das mit gutem Recht. Denn durch die Digitalisierung der Wirtschaft ändert sich die Technik ständig, genauso wie der Anspruch daran. Beispiel Navigationssystem: Um zu vermeiden, dass nach einem dreijährigen Modellentwicklungszyklus eines Fahrzeugs am Ende ,veraltete‘ Navigationstechnik zum Einsatz kommt, muss die Produktions- und Lieferart der Navigationskomponenten auf eine agile, iterative Weise aufgebrochen und umgestellt werden.

Offene Komponenten und ,Veragilisierung‘ des Käufers

Wie lässt sich diese Agilität in der Fahrzeugherstellung erreichen? Zwei Ansätze beherrschen die Praxis: Die Offenheit der Komponenten und die Öffnung der Produktion. Offenheit der Komponenten bedeutet, dass Module immer kleiner und mehrteiliger werden. Bleiben wir beim Beispiel des Navigationssystems: Bisher war es meist ein einzelnes Modul – eine, im frühen Stadium des Fahrzeug-Modellentwicklungszyklus nach fixen Spezifikationen fertig entwickelte Komponente. An dieser Komponente wurde bis zur Fertigstellung des Fahrzeugs kaum mehr etwas geändert.

Vor dem Hintergrund der ,Veragilisierung‘ werden heutzutage mehrere, kleine Module geliefert, zum Beispiel für den Navigationsrechner, die Grafik, die Sensoren et cetera. Zulieferer und Hersteller arbeiten eng zusammen und entwickeln gemeinsam Modellserien, standardisierte Schnittstellen und BUS-Systeme, über die die Komponenten miteinander kommunizieren können. Die einzelnen Module lassen sich dadurch nach jedem Zyklus ändern sowie flexibel und schnell an die aktuellen Markt- und Kundengegebenheiten anpassen.

Der zweite Ansatz öffnet die Produktion ,nach hinten und vorne‘. Die Grenzen zwischen Lieferant und Hersteller sowie zwischen Hersteller und Kunde verschwimmen. So ist es heute weitgehend möglich, auch noch nach dem Kauf Großteile der in den Fahrzeugen installierten Softwarekomponenten gegen marktaktuelle Versionen auszutauschen. Tesla zum Beispiel bietet seinen Kunden diese Option per automatischem Download. Der Kunde wird Teil der Agilität und erhält neue Funktionalitäten ,on Demand‘.

Darüber hinaus muss der Zulieferer ,veragilisiert‘ werden. Wenn die Entwicklungs- und Lieferprozesse des Zulieferers nicht auf die Zyklen des jeweiligen Verbauers abgestimmt sind, kann ein reibungsloser Verbau der Komponenten nicht problemlos funktionieren. Aus diesem Grund müssen Lieferanten ihre eigenen Produktionsketten ebenfalls anpassen. Beispiel: Ein Sitzhersteller muss seine Werkzeugmacher darauf einstellen, in kurzen Abständen Ergebnisse zu liefern und sich schnell neuen Anforderungen anzupassen.

Sukzessiver, iterativ-adaptiver Ausbau

Um in der agilen Produktion erfolgreich zu sein, braucht es einen sukzessiven, iterativ-adaptiven Ausbau von Zulieferteilen. Zulieferer liefern dem Fahrzeughersteller zunächst ein Modul, das nur die Kernfunktionalität beinhaltet, aber bereits verbaut und getestet werden kann. Im Fall des Navigationssystems könnte das nach dem ersten Zyklus/Sprint ein Modul sein, welches nur GPS-Positionsdaten im Bordcomputer anzeigt. Damit kann der Hersteller bereits seine Sensoren testen und das Modul in einem sogenannten ,Erlkönig‘ verbauen. Im darauffolgenden Sprint werden Straßenkarten – zunächst in 2D – an den Verbauer ausgeliefert. Wiederum einen Zyklus später werden zusätzliche Bedienelemente zur Verfügung gestellt. Dieses Entwicklungsvorgehen wird sukzessive und kontinuierlich fortgesetzt, bis das vollständige Produkt entwickelt wurde.

Anforderungen an Berufseinsteiger

Drei Grundeigenschaften sind gefordert, um in einer agilen Arbeitswelt zu bestehen: Offenheit, Kommunikation und Teamfähigkeit.

Offenheit ist die Fähigkeit, die Meinungen, Anforderungen und die Kritik anderer zu akzeptieren – sei es von einem Lieferanten, aus dem eigenen Unternehmen oder von Teamkollegen. Nur so lassen sich Änderungen flexibel umsetzen und der Kunde erhält am Ende das, was er wirklich möchte. Wer darauf beharrt, dass seine Meinung unumstößlich korrekt ist, wird in einer agilen Welt untergehen.

Teamgeist ist das oberste Gebot: In agilen Umgebungen gibt es keine Einzelkämpfer, egal ob im Unternehmen, in einem Projekt oder in der Forschung und Entwicklung. Die Teamkollegen arbeiten eng und selbstorganisiert zusammen. Keiner kann sich in seinem ,Kämmerlein‘ einschließen. Austausch ist die Basis – von der ersten Einschätzung der Aufgaben über die Verteilung bis zu regelmäßigen Updates. Auch das persönliche Wissen wird mit dem Team geteilt und gemeinsam ein Produkt entwickelt, hinter dem das ganze Team steht.

Hervorragend arbeitende, agile Teams sind crossfunktionale, interdisziplinäre Teams. Zwar besitzt jeder nur auf einem Gebiet Expertenwissen, doch im Prinzip kann jeder alle Gebiete abdecken. Diese Verteilung von Expertise wird auch als T-Shape bezeichnet: in der Breite verteilt, in der Tiefe exzellent.

Fazit: Agile Profis arbeiten überall

Agile Unternehmen, agile Projekte, agiles Mindset – Agilität findet mehr und mehr Einzug in unseren Arbeitsalltag und bei den (End-) Kunden. Ein Umdenken ist daher erforderlich. Wer die Grundlagen der agilen Denkweise verinnerlicht hat, handelt zukunftsorientiert, richtet seine Arbeit sowie den Fokus am Markt aus und kann in jeder agilen Umgebung arbeiten. Von diesen gibt es immer mehr. Die Rahmenparameter sind natürlich nach wie vor unterschiedlich, ein Maschinenbauer bringt andere Skills mit als ein Softwareentwickler. Dennoch ist das Grundgerüst der Agilität in jedem Bereich gleich. Es lohnt sich also, gerade für Studierende und Berufsanfänger, hier einen Schwerpunkt zu setzen.


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Michael Springer, Scrum-, Agile-Coach und Trainer beim IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen msg.

Michael Springer ist seit insgesamt mehr als dreizehn Jahren als Scrum- und Agile-Coach bei msg tätig. Zudem hatte er sieben Jahre die gleiche Funktion bei Nokia Oy inne und übte zuvor verschiedene Führungspositionen in weiteren renommierten IT-Unternehmen aus. Der studierte Diplom-Ingenieur ist Experte für agile Vorgehensweisen und trainiert seit circa 20 Jahren Manager und Führungskräfte in Scrum. Sein Studium der Elektrotechnik und technischen Informatik schloss Michael Springer erfolgreich an der TU München ab. Weitere Fortbildungen und Zertifizierungen ergänzen sein Portfolio, darunter etwa „Certified Scrum Master & Product Owner“, „Certified Scrum Coach & Trainer“ sowie „Kanban Coach“.

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