Die Power der Sonne auf der Motorhaube

Laurin Hahn entwickelte mit seinem Freund Jona Christians direkt nach dem Abitur ein Elektroauto mit integrierten Solarzellen in der Karosserie. Nach vier Jahren ist daraus ein Unternehmen mit fünfzehn Mitarbeitern und einem hochinnovativen Produkt geworden – mit der felsenfesten Überzeugung, dass eMobility die Welt ein bisschen retten kann.

Laurin, welche Gedanken haben euch vor vier Jahren bewegt, als ihr euer Projekt Sion in Angriff genommen habt?
Noch während des Abiturs haben Jona und ich uns intensiv Gedanken über unsere Zukunft gemacht und was wir eigentlich überhaupt mal erreichen wollen in unserem Leben. Schon damals hatten wir den Traum, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu tun. Etwas für die Um­welt und kommende Generationen und nicht nur für die nächsten 520 Wo­chen oder das schnelle Geld. Und da wir schon immer von (Elektro-)Autos begeistert waren, haben wir in Jonas Garage angefangen, unseren ersten Pre-Prototypen zu entwickeln. Vorkenn­tnisse hatten wir aus vielen Hobby-Projekten, die wir bis dahin zusammen realisiert hatten. Zu­sätzlich fing Jona damit an, Informatik und Physik zu studieren und ich Elektrotechnik. Unser größtes Know-how be­kamen wir aber über das Internet. Video-Tutorials und Blog Einträge halfen uns dabei, auch die anspruchsvollsten PCB-Layouts oder CAD-Daten zu erstellen.

Irgendwann wurde aus einem Hobby unser Job. Mittlerweile hatten wir meine damalige Mitbewohnerin Navina mit im Team, die studierte Kommunikationsdesignerin ist. Wir gründeten zu dritt die Firma Sono Motors und zogen in unser erstes richtiges Büro. Im Sommer 2016 war es dann soweit: Wir konnten auf Basis des Pre-Prototypen die Machbarkeit unserer Innovation absichern. Das war die Grundlage unserer Crowdfunding Kampagne, die wir im August 2016 gestartet haben. Dabei ging unser Video in den Social Media Kanälen viral, sodass sie mit mittlerweile über 500.000 Euro ein voller Erfolg wurde. Wenn ich zurückblicke, ist es einfach unglaublich, was aus diesem ehemals kleinen Hobby geworden ist. Mittlerweile sind wir ein Team aus 15 Leuten und arbeiten mit großen Industriepartnern zusammen.

Der Sion soll im Sommer getestet werden können. Was steckt dahinter?
Der Sion ist ein innovatives Elektroauto, bei dem Solarzellen in das komplette Exterieur integriert sind. Dadurch kann er sich in einem gewissen Rahmen autark von jedweder Steckdose fortbewegen oder bei längerem Stehen, also fünf bis sieben Tage, über die Solarzellen komplett wieder aufladen. Das ist ein erheblicher Vorteil gegenüber anderen E-Fahrzeugen. Die Herausforderung in der Entwicklung bestand darin, die Solarzellen so in die Ka­rosserie zu integrieren, dass jegliche Crash-Tests bestanden werden können. Glas wäre aus Sicherheits- und Gewichtsgründen nicht ideal gewesen. Final nut­zen wir Polycarbonat, welches kratz­unem­pfindlich und beinahe unzerbrechlich ist. Außerdem wesentlich leichter als Glas. Dazu kommen noch zahlreiche weitere Innovationen, die den Innenraum und die Benutzung des Fahrzeugs betreffen, ohne hier mit Details den Rahmen zu sprengen.

Die Solarpanels versprechen zusätzliche und kostenlose 30 Kilometer Reichweite pro Tag. Wie weit wird sich der Wirkungsgrad der Solarzellen steigern lassen, um noch höhere Reichweiten zu erhalten?
Momentan nutzen wir Solarzellen mit einer Zelleffizienz von 22 Prozent. Rein physikalisch kann mit diesen Zellen ein Maximum von etwa 30 Prozent erreicht werden. Es gibt aber auch Hochleistungszellen mit weit über 40 Prozent Zelleffizienz. Zunehmender Leichtbau und eine immer größere Zelleffizienz werden es ermöglichen, dass zukünftig nicht nur PKWs mit Solarzellen ausgestattet werden. So hat das Solarflugzeug Solar Impulse 2 mit seiner Weltumrundung ge­zeigt, was für ein enormes Potenzial in der Sonnenenergie steckt. Und wenn wir es uns für den Sion genau anschauen: Die durchschnittliche Fahrleistung eines deutschen PKWs beträgt 22 Kilometer pro Tag.

Welche sind die größten Hindernisse dabei, aus einem Prototypen ein Serienfahrzeug zu machen?
Da gibt es natürlich einige Hürden. Von der Homologation über den Produktions­standort bis hin zur Serienentwicklung der Einzelkomponenten. Aber alle Hinder­nisse sind lösbar. Ein Fahrzeug zu ent­wi­ck­eln und zu produzieren ist nichts neues.

„Sonomotors: Die Mobilität von Morgen braucht keine beleuchteten Türgriffe oder Laserscheinwerfer“

Ihr habt den Sion zunächst aus Eigenmitteln finanziert und dann Geld über Crowdfunding gewinnen können. Welche Schritte sind nötig, damit der Sion in 2019 oder 2020 in Serie geht?
Natürlich sind für die Produktion eines Fahrzeuges verschiedene Komponenten entscheidend. Die wichtigsten Bausteine sind sicherlich das eigene Know-how, die richtigen Partner und eine solide Finan­zierung. All das können wir verzeichnen, weshalb ich sehr zuversichtlich bin.

Ihr kritisiert in eurer Präsentation, dass Großkonzerne ohne Konsequenzen die Umwelt verschmutzen. Wie beurteilt ihr die aktuelle Modellpolitik der Autohersteller?
Diese komplette Fehlentwicklung ist natürlich sehr bedauernswert. Dennoch sind die Autohersteller nicht allein daran schuld. Es liegt genauso an den Konsumenten, die sich für den Kauf eines Verbrenners entscheiden und somit einen Absatz für die Fahrzeuge schaffen. Wir müssen uns im Klaren sein, dass diese Entwicklung keine Zukunft haben kann. Immer mehr Fahrverbote in Großstädten und striktere Umweltauflagen greifen hier zum Glück ein.

Für junge Menschen hat das Auto als Statussymbol massiv an Reiz verloren. Wel­chen Stellenwert hat das Auto heute?
Für meine Generation bedeutet das Auto an sich nicht mehr viel. So, wie ich das einschätze, wollen wir einfach nur mobil sein. Egal wie, Hauptsache unkompliziert und günstig.

Was bedeutet das für die Hersteller?
Für die OEMs ist das eine der größten Herausforderungen seit Anbeginn. Der Wandel hin zum Mobilitätsdienstleister bedeutet die komplette Umstellung des bisherigen Business Modells. Und das ermöglicht es Start-ups wie uns überhaupt in den Markt eindringen zu können. Denn wir müssen nicht erst unsere halbe Be­legschaft umschulen oder in der Füh­rungs­etage das Business Modell von Carsharing definieren. Wir sind die erste Generation des Internets. Uns muss man nicht erklären wie eine neue Technologie funktioniert, denn der Impuls für deren Entwicklung kam höchstwahrscheinlich von uns.

In eurer Vision von Mobilität ist der Sion eingebettet in ein Sharing Economy-Modell. Warum ist das der Weg der Zukunft, Fahrzeuge zu teilen?
Wir integrieren in den Sion schon ab Werk Car- und Ridesharing, ohne es an die große Glocke zu hängen. Für uns wäre es unvorstellbar, ein Fahrzeug ohne diese Funktionen zu entwickeln. Denn aus Sicht der Ressourcen und stetig wachsender Weltbevölkerung wird in Zukunft nicht jeder ein Fahrzeug besitzen können. Das, was wir in China in den letzten 520 Wochen gesehen haben, wird in den nächsten 520 auch in Indien passieren: Der arme Bevölkerungsanteil rutscht durch die Industrialisierung in die Mittelschicht. Auf einmal wollen ein paar Millionen Menschen auch ein Smartphone, ein Auto und regelmäßig Fleisch essen. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, kann der Sion von Privat an Privat geteilt oder verliehen werden. Gerade in Großstädten ein durchaus interessanter Business Case.

Wenn man an übermorgen denkt und einen komplett elektrifizierten, autonom fahrenden Verkehr annimmt: Wer braucht da noch die High Tech-Boliden, die heute in Deutschland gebaut werden?
Zunächst würde ich nicht an Übermorgen denken, sondern an Morgen. Denn autonomes Fahren wird schneller hier sein, als viele vielleicht denken. Solch eine Ent­wicklung läuft eben nicht linear, sie läuft exponentiell. Wenn ich heute sehe, dass Fahrzeuge schon jetzt aus technischer Sicht voll autonom fahren können, dann liegt es nur noch an der Akzeptanz des Nutzers und den spezifischen Regelungen. Und das kann bekanntlich schnell umschwenken.

Ihr kennt euch bei Sono Motors mit Komponenten und Antrieben aus. Ist es für euch vorstellbar, dass ein Fahrzeug wie der Sion einmal als industrielles Massenprodukt in Asien zu minimalen Stückkosten produziert werden kann?
Ein Fahrzeug ist sehr komplex und kos­ten­intensiv in der Produktion. Grundsätz­lich besteht in der Industrie das Be­streben, sehr viel zu minimalen Stück­kosten zu produzieren. Ich sehe also durchaus die Möglichkeit, dass Fahrzeuge auf Grund von immer größerer Automatisierung in der Produktion eines Tages zu sehr geringen Kosten dem Nutzer zu Verfügung gestellt werden. Was wir nicht wollen, ist eine Massenproduktion, die zu riesigen Autofriedhöfen führt.

Interessant ist, dass ihr mit dem Sion ein minimalistisches Fahrzeug entwickelt habt, das zugunsten der Kostenersparnis auf allzu pompösen Luxus verzichtet. Wird das allgemein zum Trend?
Wenn ich innerstädtisch mit einem Carsharing Fahrzeug unterwegs bin und es für 20 Minuten nutze, wofür brauche ich dann Laserscheinwerfer und beleuchtete Türgriffe? Wie schon vorher erwähnt, für unsere Generation ist das Auto kein Prestigeobjekt, sondern Mittel zum Zweck.

Auf welche Entwicklungen in der Autoindustrie sollten theoretisch ausgebildete Hochschulabsolventen aus Sicht des Praktikers vorbereitet sein?
In den nächsten 156 Wochen wird ein massiver Wandel stattfinden. Bestimmte Bereiche werden in großer Zahl einfach wegbrechen. Zum einen die, welche direkt und indirekt mit dem Verbrennungs­motor in Verbindung stehen. Zum ande­ren aber auch solche, die mit dem alten Business Modell der OEM zusammenhän­gen wie zum Beispiel der Autohändler.

 


Gründer Sono MotorsDie Gründer von Sono Motors von links: Navina Pernsteiner, Jona Christians, Laurin Hahn.

Mehr Informationen unter sonomotors.com.

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