Welcome to Detroit!

Rock City, Motown, The Motor City – die Stadt galt lange Zeit als der idealisierte Jobmotor der amerikanischen Automobilindustrie. Totgesagte leben länger? Stimmt genau. Nach einer wirtschaftlich schweren Zeit kommt Detroit zurück und das mit voller Wucht: Vor allem junge Amerikaner auf Innovationskurs siedeln sich an.

Eine klassische amerikanische Erfolgsstory, so sahen die ersten Jahre für die Autoindustrie und auch für Detroit aus. Den Grundstein für diesen Erfolg der ersten Jahre legte Henry Ford, der 1903 die Ford Motor Company in Detroit gründete. Der Beginn eines rasanten Aufstiegs zum Zentrum der Automobil­industrie – und zu einer der größten und wohlhabendsten Metro­polen der USA.

Allen voran hat Detroit das den „Big Three“ zu verdanken: Ford, General Motors  und Chrysler – die den weltweiten Automobilmarkt jahrelang dominierten. Diese Abhängigkeit, jahrelang ein Segen, wurde Detroit zum Verhängnis. In den Glanzzeiten der Stadt, den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, entstehen ein Großteil der Infrastruktur, der Hochhäuser und andere Glanzbauten. Dieser Wohlstand und die Tatsache, dass alle amerikanischen Autohersteller ihre Zentrale oder zumindest Werke in der Stadt haben, zieht viele, insbesonders schwarze, Arbeiter an, die sich gutbezahlte Jobs versprechen. Später kommt es immer häufiger zu Rassenunruhen. Die gipfeln darin, dass ein Großteil der weißen Bevölkerung in die Vorstädte zieht. Damit verliert die Stadt ihre gehobene, weiße Mittelschicht und deren Steuerzahlungen.

Im Zweiten Weltkrieg wird die Automobilindustrie dezentralisiert. Danach wird die Produktion in den Werken weiter automatisiert. Tausende Jobs fallen weg. Außerdem unterschätzen die Amerikaner die Konkurrenz durch die asiatischen Autohersteller und überlassen ihnen den Markt für kleine und spritsparende Mo­delle. Die Spritpreise steigen, die Verkaufszahlen sinken und immer mehr Menschen verlassen Detroit. Der letzte und fast vernichtende Schlag trifft die amerikanischen Autohersteller – und somit auch Detroit – 2009 mit der Wirtschaftskrise. Die treibt einige Hersteller fast in die Insolvenz, was schließlich nur durch Staatshilfen abgewendet werden kann.

Und Detroit? 2013 muss die Stadt Insolvenz anmelden. Sie hat 18 Milliarden Dollar Schulden. Seit 1950 verlor sie 63 Prozent ihrer Bevölkerung – von fast zwei Millionen Einwohnern zu heute knapp 700.000. Etwa 40 Prozent davon lebt unter der Armutsgrenze. Ein Drittel der Stadtfläche liegt brach, 4.000 Gebäude stehen leer. Die Stadt hat kein Geld für die Straßenbeleuchtung und so bleiben immer mehr Gegenden dunkel. Und auch für die Polizei ist kein Geld da. Das treibt die Kriminalitätsrate weiter in die Höhe und Detroit wird zu einer der gefährlichsten Städte der USA.

In letzter Zeit häufen sich die Wiederaufstehungstheorien über Detroit

Wenn man diese Bilanz über den Zustand Detroits betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass es nicht weiter bergab gehen kann. Und tatsächlich, in letzter Zeit gibt es immer häufiger Wiederauferstehungs-Theorien. Denn den amerikanischen Autoherstellern geht es immer besser. Sie haben sich nachhaltig erholt und machen wieder enorme Umsätze. Amerika feiert sein Comeback als Autonation, doch Detroit kommt noch nicht so schnell hinterher. Schaut man sich an, wie der Automarkt in Zukunft aussehen und wer ihn gestalten wird, erkennt man die zentrale Herausforderung: Die Autos, die heute vorgestellt werden, sind miteinander und dem Internet vernetzt. Sie kommunizieren und sind mit intelligenter Technik ausgestattet.

Genau das ist der entscheidende Punkt: Die IT-Branche spielt eine immer wichtigere Rolle und nimmt entscheidenden Einfluss darauf, wie die Autos der Zukunft aussehen werden. Aber die Spielmacher dieser Branche, die großen IT-Konzerne, wie Google, facebook und Apple, sitzen alle im Silicon Valley – nicht in Detroit. Schon jetzt werden die revolutionären Neuerungen nicht mehr auf der klassischen Auto Show in Detroit präsentiert, sondern bereits im Voraus auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas.

Der Milliardär Dan Gilbert formt die Stadt nach seiner Idealvorstellung um

Die ersten Schritte, um mit dieser Ent­wicklung mitzuhalten, sind bereits getan. Im Zentrum von Detroit arbeiten nun 40 Prozent der Erwerbstätigen auf drei Prozent der Stadtfläche. Diese Entwicklung verantwortet insbesondere ein Mann: Der 52-jährige Milliardär Dan Gilbert. Vor drei Jahren traf er die Entscheidung, die Zentrale seiner Firma Quicken Loans mit 12.000 Mitarbeitern zurück in die Innenstadt Detroits zu verlegen. Außerdem hat Gilbert 40 Ge­bäude, also fast die halbe Innenstadt aufgekauft und saniert. Insgesamt hat er bisher 1,5 Milliarden Dollar investiert. Das alles tut er nicht nur, um seiner Heimatstadt etwas zurückzugeben, sagt er selbst, an erster Stelle sei er Geschäftsmann und als dieser habe er erkannt, dass junge talentierte Leute, die er als Mitarbeiter gewinnen will, nicht auf dem Land, sondern in der Stadt leben möchten. Also formt er Detroit nach seiner Idealvorstellung um. Zu den Änderungspotenzialen gehört auch der Versuch, die Stadtfläche zu verkleinern, denn Detroit ist einfach zu groß. Deshalb werden alle Gebäude katalogisiert, damit entschieden werden kann, welche erhalten bleiben.

Das alles wirkt. Unternehmen verlegen ihre Zentrale wieder in die Stadt, unter anderem Campell Ewald, Werbeagentur von General Motors oder auch die Firma Compuware, ein weltweit aktiver Produzent von Software. Außerdem: Detroit bietet billige Mieten und dabei viel Platz und Möglichkeiten sich auszutoben und die Entstehung des neuen Detroits mitzugestalten – das zieht viele junge Amerikaner an. Die sind die notwendige Basis für Innovationen, die sowohl die Stadt, als auch ihre Autohersteller benötigen. Ganz nebenbei werten sie die Lebensqualität auf – Detroit hat also die Chance, als eine der lebenswertesten Städte aus dem Chaos empor zu steigen. Er brummt wieder, der Jobmotor der amerikanischen Automotivebranche.

Stand: Sommer 2015

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