Handel: Eine Branche digitalisiert sich

Es ist vor allem der Respekt vor Amazon und dem erwarteten Deutschland-Start seines Lebensmittellieferservices „Fresh“, der die deutschen Handelskonzerne mobilisiert. Die Belieferung des Kunden will der Einzelhandel nicht Amazon überlassen, die in den USA bereits 6,2 Milliarden Dollar mit Lebensmitteln umsetzen.

„Fresh“ ist in Teilmärkten ge­startet: Berliner und Münchner Kunden von Amazon Prime Now können den Express-Lieferservice bereits dazu nutzen, Lebensmittel zu bestellen. Für die deutschen Handelskonzerne, die derzeit nur etwa ein Prozent des rund 150 Milliarden schweren Gesamtmarktes online erzielen, ist dies eine echte Bedrohung. Damit steht die Digitalisierung überall an erster Stelle der Agenda.

Zwar bietet Amazon zum Start nur rund ein Viertel der Artikel eines Vollsortimenters, habe aber „wie gewohnt seine Hausaufgaben gemacht und einen sehr effizienten Betrieb aufgebaut“, wie Michael Lierow, Partner bei Oliver Wyman, erklärt. Die Strategieberater haben den Angriff auf den deutschen Lebensmitteleinzelhandel untersucht und empfehlen diesem, sich intensiver mit dem Einkaufsverhalten und den Be­dürfnissen ihrer Kunden zu beschäftigen. Handelsexperte Lierow: „Das breite Filialnetz und die hohe Kundenfrequenz sind enorme Vorteile, von denen der Einzelhandel heute noch profitiert. Lokale Kaufleute sind eine große Stärke im Einzelhandel, die genutzt werden muss. Doch es braucht auch ein überzeugendes digitales Angebot, um auf Dauer gegen große Online-Anbieter und allen voran Amazon zu bestehen.“

Die Digitalisierung sorgt für reizvolle IT-Herausforderungen

Der Oliver-Wyman-Projektmanager Cornelius Herzog hält die Verlagerung von bis zu 40.000 Arbeitsplätzen in den Onlinebereich für realistisch und sieht ge­rade die Vollsortimenter unter Druck: „Die etablierten Handelsunternehmen müssen sich jetzt für den nächsten Schritt rüsten und schnelle sowie konsequente Ent­scheidungen in den Bereichen Online und Multikanal treffen.“

Zwei Herausforderungen stünden dabei im Mittelpunkt:

  1. Schneller und radikaler Ausbau des eigenen Online-Angebots. Die Zeiten der Pilotversuche und regionaler oder sogar lokaler Lösungen sind angesichts der Effizienz und Stärke von Amazon vorbei.
  1. Verknüpfung sämtlicher Kanäle zu einem überzeugenden Multikanal-Angebot. Hier liegt das Alleinstellungsmerkmal der Zukunft für die Filialisten. Sie sollten ihre Kunden durch die täglichen Filialbesuche so gut kennen, dass das Online­angebot den Filialbesuch ideal ergänzt – und damit bequemer und besser ist als der Einkauf bei einem reinen Onlinehändler. Marke und Qualitätsversprechen müssen mittransportiert werden.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie man dem weiteren Sortimentsangebot von Amazon begegnen wird, das ja bei Lebensmitteln nicht aufhört. Möglicherweise ergeben sich neue Allianzen, um auch im Non-Food-Bereich breit aufgestellt zu sein, sodass der Kunde aus allen Produktsegmenten wählen kann. Reizvolle Gestaltungsperspektiven für Digital-Spezialisten sind in jedem Fall die Folge dieser Herausforderungen.

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