„Jede Idee ist nur so gut, wie sie umsetzbar ist“

Christine Kiefer ist Gründerin des Netzwerks ,Fintech Ladies’ und Mitgründerin von ,Blockchain For Science’ – und damit mittendrin in der digitalen Revolution. Doch wie hat sie es geschafft, überhaupt in diese Position zu gelangen? Ein Erfahrungsbericht.

„Aha, du hast also Informatik studiert. Da warst du doch bestimmt die einzige Frau, oder?” Diese Frage höre ich häufig. Ganz so schlimm war es jedoch nicht, denn ich war nicht die einzige Studentin im Semester, als ich mich im Jahr 2000 in den Diplomstudiengang „Angewandte Informatik” an der Universität des Saarlands einschrieb. Viele Kommilitoninnen hatte ich jedoch auch nicht, offiziell lag der Frauenanteil bei weniger als zehn Prozent. Dieses Verhältnis setzte sich bei allen weiteren Stationen meiner beruflichen Laufbahn fort.

Meine Begeisterung für Technik und Finanzen führte mich zunächst nach London, wo ich als Java-Programmiererin bei T-Mobile arbeitete, bevor ich ins Investmentbanking wechselte. Für Goldman Sachs programmierte ich finanzmathematische Modelle für Derivate. Heute würde man diese wohl als Vorläufer von „smart contracts“ bezeichnen. Dort erlebte das Auf und Ab der Finanzkrise hautnah mit: Die Anspannung im Handelsraum, wenn der Dax in wenigen Stunden um fünf Prozent fällt, und hunderte von Menschen gebannt vor ihren Bildschirmen das Geschehen verfolgen, ist unbeschreiblich.

Heute bin ich Unternehmerin und lebe und arbeite in Berlin. Von meiner fachlichen Rolle bei Goldman Sachs als Programmiererin bin ich vor fünf Jahren auf die Management-Seite gewechselt und wurde Geschäftsführerin des Online-Zahlungsdienstleisters BillPay. Bestand mein Tagesablauf vorher hauptsächlich aus Programmieren, so stand nun die Mitarbeiterführung an erster Stelle. Auf BillPay folgten weiteren Unternehmungen, von denen ich aktuell den größten Teil meiner Zeit dem Projekt „Blockchain For Science“ widme. Unser Ziel ist es, die Forschung mit Hilfe von Blockchain-Technologie zu verändern, um sie offener und effizienter zu machen. Für dieses Projekt möchten wir im Laufe der nächsten Jahre Universitäten und Forschungseinrichtungen in der ganzen Welt gewinnen.

Ich liebe es, Geschäftsmodelle zu entwickeln, um einer Idee Form und Leben zu geben. Mein technischer Hintergrund hat mir sehr dabei geholfen, Dinge von Grund auf zu verstehen, zu durchdenken und gleichzeitig auf ihre Machbarkeit zu untersuchen. Das ist sehr wichtig, denn jede Idee ist nur so gut, wie sie umsetzbar ist. Als Unternehmer steht man vor der Herausforderung, ein Thema sehr schnell in der Tiefe durchdringen, gleichzeitig aber das große Ganze im Auge behalten zu müssen – also auch ein guter Generalist zu sein. Eine weitere Herausforderung ist es, dass man zunächst allein mit seiner Idee dasteht, wenn man etwas Neues schaffen will. Das verlangt eine hohe intrinsische Motivation, da man andere von seiner Idee überzeugen und sie mitreißen muss, und sich gleichzeitig nicht so leicht von Rückschlagen aus der Bahn werfen lassen darf. Das Unternehmerdasein ist einem steten Auf und Ab unterworfen, dafür aber auch mit vielen erhabenen Glücksmomenten verbunden.

„Wir stehen am Anfang einer tiefgreifenden Revolution“

„Was ist eigentlich Fintech?“ werde ich manchmal gefragt. In der Start-up-Welt versteht man unter einem Fintech ein Start-up, das sich mit Finanztechnologien beschäftigt, wie zum Beispiel BillPay, Scalable Capital oder Weltsparen, um nur einige bekannte Beispiele zu nennen. Oft werden zur Fintech-Branche auch sogenannte Insurtechs und Proptechs gezählt. Das sind Start-ups, deren Geschäftsmodell mit Versicherungen oder Immobilien zu tun hat. Auch hier sind Frauen unterrepräsentiert – ein Grund, weshalb ich vor einem Jahr das Netzwerk „Fintech Ladies“ gegründet habe. Unser Netzwerk ist im ersten Jahr auf über 200 Mitglieder angewachsen und besteht aus Frauen, die sich mit der Digitalisierung im Finanzbereich beschäftigen, entweder als Mitarbeiterin eines Start-ups oder eines Finanzinstituts.

„Digitalisierung“, „AI“ und „Machine Learning“ sind Begriffe, die derzeit viel diskutiert werden und nicht nur in der Fintech-Branche Wellen schlagen. Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt in zweierlei Hinsicht: Viele Arbeitsplätze werden wegfallen, da die Arbeit von Maschinen, seien es Roboter oder Algorithmen, übernommen wird. Gleichzeitig entstehen neue Berufszweige, die es früher nicht gegeben hat – all diese Maschinen wollen ja auch gebaut und programmiert werden. Aber nicht nur die Stellenbeschreibungen ändern sich, sondern auch die Art und Weise, wie wir arbeiten. „Remote work“, das heißt ortsunabhängiges Arbeiten, ist für moderne Arbeitgeber normal. Ich bewerte diesen Trend für Frauen sehr positiv: Ortsunabhängiges Arbeiten bedeutet auch, dass Arbeiten von Zuhause besser möglich ist und nicht die Stunden im Büro, sondern Ergebnisse zählen. Diese Arbeitsweise eröffnet neue Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, weil sich Hobbies und Familie besser in den Arbeitsablauf integrieren lassen.

Die Entwicklung, die sich durch die Digitalisierung, die Anwendung von Methoden der Künstlichen Intelligenz und die Entwicklung von Blockchain-Technologie abzeichnet, verfolge ich mit großer Spannung. Wir stehen am Anfang einer tiefgreifenden sozioökonomischen, politischen, kulturellen und vor allem technischen Revolution, die die Welt so grundlegend verändern wird, wie seinerzeit die Ideen eines Henry Ford oder Tim Berners-Lee. An der Gestaltung dieser neuen digitalen Welt können diejenigen, die es vermögen, mit diesen Technologien umzugehen, mitwirken. Gerade deswegen kommt uns Frauen in technischen Bereichen eine umso wichtigere Rolle zu, da wir diese Veränderungen für die Hälfte der Gesellschaft mitgestalten müssen.


Mehr Informationen zum Netzwerk der Fintech-Ladies gibt es natürlich auf deren Website.

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