Wie eine App gegen die Volkskrankheit Migräne hilft

M-sense heißt die App, die langfristig bei solchen Kopfschmerzattacken helfen soll, wie sie für viele Menschen zum Alltag gehören. Wie das genau funktioniert, erklärt CEO Stefan Greiner.

Sie haben die App “M-sense” entwickelt. Wie kam es dazu? 
Ich habe mich während meines Studiums viel damit beschäftigt, wie Maschinen Menschen das Leben vereinfachen, bzw. sie in bestimmten Dingen unterstützen können. Da meine damalige Mitbewohnerin unter Migräne-Attacken litt, stelle ich mir irgendwann die Frage, ob man die Auslöser dieser immer wiederkehrenden Anfälle nicht mit Hilfe einer entsprechenden Software herausfinden könnte. So kontaktierte ich meinen Freund, den langjährigen Migräneforscher Markus Dahlem, und der Entschluss, ein technisches Hilfsmittel gegen Kopfschmerz und Migräne zu entwickeln, stand nach kurzer Zeit fest. Gemeinsam mit Simon Scholler (Data Science) und Martin Späth (Software Engineer) entwarfen wir als Spin-off der Humboldt Universität zu Berlin und mit Unterstützung der Charité Berlin den ersten Prototypen unserer App M-sense.

Wie funktioniert die App und was leistet sie? 
Migräne ist eine sehr individuelle Krankheit – Auslöser, Schmerzmuster und Therapieverfahren können sehr unterschiedlich sein. Um Einflussfaktoren und Muster besser zu erkennen, ist das Kopfschmerztagebuch ein klassisches Instrument, das mit M-sense digital und mobil genutzt werden kann. Auf Basis der Dokumentation einzelner Einflussfaktoren wie Schlafverhalten, Stresslevel und Aktivität (das Wetter wird automatisch bezogen), analysiert die Software die individuellen Auslöser der Betroffenen und kann im nächsten Schritt helfen, via Chatbot eine passende Therapieform zu finden. Dies kann beispielsweise über Vergleichsverfahren mit Gruppen ähnlicher Krankheitsverläufe geschehen. Hierfür bietet die App verschiedene nicht-medikamentöse und klinisch validierte Therapiemethoden an (zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training).
Zusätzlich bietet M-sense die Möglichkeit, die Therapieerfolge zu messen, wenn weiterhin die Kopfschmerz-Attacken und -Intensitäten in der App festgehalten werden. Das Konzept von M-sense (mobile Analyse von Migräne- und Kopfschmerzauslösern mit Therapiebegleitung) ist derzeit weltweit einzigartig.

Wie erkennt M-sense, welche Art von Kopfschmerz ich habe? 
M-sense teilt die Kopfschmerzen nach einem verbindlichen Klassifikationsschema in Migräne oder Spannungskopfschmerzen ein (ICHD: International Classification of Headache Disorders). Um das zu ermöglichen, erfassen wir Eigenschaften und Begleitsymptome der Attacken.
Aber die App stellt keine Diagnose, das dürfen nur Ärzte. Vielmehr steht das Bewusstmachen von Auslösern und Krankheitsverlauf im Zentrum der Anwendung: Je mehr Daten ich in das Kopfschmerztagebuch einpflege, desto mehr Informationen werden über die Einflussfaktoren und die Schmerzmuster gesammelt, sodass im Ergebnis eine darauf abgestimmte Therapieform vorgeschlagen werden kann.

M-sense ist ein zertifiziertes Medizinprodukt. Was kann man sich darunter vorstellen?
 Nur bei einem Medizinprodukt kann sich der Arzt auf die Analyse der Tagebucheinträge und die anschließende Therapiebegleitung hundertprozentig verlassen. Bevor ein Produkt medizinisch zertifiziert wird, muss es ein Verfahren durchlaufen. Hier wird zum Beispiel sein Zweck bestimmt und ein Qualitätsmanagementsystem zur ständigen Verbesserung des Artikels festgelegt.
Die klinische Zertifizierung bestätigt, dass M-sense die Richtlinien für digitale, medizinische Anwendungen einhält. Die App wertet die Gesundheitsdaten wissenschaftlich aus. Somit stehen diese Daten für eine Diagnose und für eine Therapie zur Verfügung. Da die Patienten sensible Daten teilen, ist es selbstverständlich, dass wir die Standards des Datenschutzes in Deutschland einhalten und ständig daran arbeiten, diese weiter auszubauen.
M-sense ist bisher die einzige App gegen Migräne und Kopfschmerzen, die als Medizinprodukt akkreditiert ist. Zusätzlich wurde die Anwendung vom Bundesverband Internetmedizin zertifiziert und trägt seitdem das Siegel „Qualitätsprodukt Internetmedizin“.

Kann das den Arztbesuch und Medikamenteneinnahme also überflüssig machen?
Die App ist nicht darauf angelegt, Arztbesuche zu ersetzen. Stattdessen soll sie Ärzte und Patienten unterstützen, sich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Um eine wirklich individuelle Therapie vorzuschlagen, mangelt es Ärzten häufig an Zeit und Informationen über den Krankheitsverlauf und die persönlichen Lebensumstände. Diese Lücke füllen wir mit M-sense. Betroffene werden dank der Reminderfunktion an die tägliche Dateneingabe erinnert, damit sie am Ende von wirksamen Therapiemethoden profitieren, die sie langfristig in ihren Alltag integrieren können.


Stefan Greiner ist CEO & Co-Founder der Newsenselab GmbH. Der studierte Wirtschaftsingenieur forschte für die TU Berlin im Bereich der Mensch-Computer Interaktion und führte App-Evaluationsstudien für die Deutsche Bahn AG (DB-Navigator) und die Deutsche Telekom AG durch. Außerdem ist er Mitgründer des Vereins Cyborgs e.V. in Berlin.

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