“Wir fördern neue Ideen”

Ralf Lenninger ist Leiter der Strategie- und Innovationsabteilung der Division Interior bei Continental. Wir trafen den Visionär, der trotz seiner Mitarbeit an der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge auch die klassische Arbeit am Volant zu schätzen weiß: Lenninger outet sich als Liebhaber des puristischen Morgan +8.

Die Berater von Roland Berger pro­phe­zeien der Zulieferindustrie und innovativen Ingenieurdienstleistern goldene Ja­hre. Hängen Zulieferer nicht mehr am Tropf der Autohersteller, die schonungslos die Preise diktieren?
Grundsätzlich hat sich wenig an dem Verhältnis zwischen Automobilhersteller und Zulieferer geändert. Wir entwickeln und pro­duzieren Bausteine, die von unseren Kunden zu einem Gesamtwerk zusammen­gesetzt werden. Deshalb entstehen unsere Produkte auch heute nach den Spe­zifikationen unserer Kunden. Was sich allerdings geändert hat, ist die Bedeutung von Elektronik und Software für das Au­tomobil. Etwa 90 Prozent aller Innovationen für das Fahrzeug sind von Elektro­nik und Software getrieben. Mit unseren mehr als 12.000 Softwareentwicklern haben wir bei Continental genau hier immenses Know-how, mit dem wir innovative Lösungen anbieten können.

Ein Konsortium deutscher Autobauer hat sich gerade den Kartendienst HERE gesichert. Warum sind Daten der Schlüssel für die Entwicklung neuer Technologien?
Einer der Schlüssel, um Fahrzeuge si­cherer, effizienter und komfortabler zu machen, ist die genaue Kenntnis der kom­menden Strecke. Heute können wir mit Fahrzeugsensoren wie Kamera oder Radar bereits bis zu 300 Meter weit blick­en. Mit Hilfe der digitalen Karte bekommen wir weitere Informationen, die quasi einen Blick um die Ecke ermöglichen. Je genauer und aktueller die zugrundeliegende Datenbasis über die Strecke ist, desto mehr Anwendungen lassen sich damit realisieren. Deshalb haben wir den elektronischen Horizont weiterentwickelt und ermöglichen es Fahrzeugen nun selbst, Informationen zur Strecke zu sammeln. So kann die Kamera zum Beispiel ak­tuell geltende Geschwindigkeitsgebote aufzeichnen. Diese Informationen werden an ein Backend geschickt, dort analysiert und verarbeitet und ein Update des ent­sprechenden Kartenausschnitts an andere Fahrzeuge gegeben, die sich in der Um­gebung befinden. Das ganze passiert nahe­zu in Echtzeit. Dazu benötigt es ein tiefes Verständnis der Fahrzeugtechnik und -vernetzung aber auch von Big Data Analytics und natürlich von Kartentechno­logie. Deshalb kooperieren wir mit IBM und HERE.

Wir gestalten die Mobilität der Zukunft

Für solche digitale Lösungen benötigen Sie IT-Experten. Informatiker denken aber mit Studienende eher an Google & Co.
Unser Tool ist Continental mit seinen Men­schen! Und es ist mit Abstand das Beste, das wir haben und uns vorstellen können. Denn die Menschen in unserer Or­ganisation strahlen am besten aus, wofür wir stehen: Wir gestalten die Mobilität der Zukunft. Damit verbunden ist eine enorme Vielfalt an Produkten und Innovationen. Sie werden weltweit von Kun­den unterschiedlichster kultureller Her­kunft und in unterschiedlichsten Märkten verwendet. Die damit verbundene Gesamtverantwortung für die globale Mo­bilität macht unsere Arbeit so innovativ und spannend! Wir wissen: Wir sind als Arbeitgeber über unser reines Industrieumfeld hinaus attraktiv. Und wir wollen ausdrücklich die gesamte Breite des Bewerber- und Talentpools im Blick haben. Denn unser Continental-Team soll mög­lichst vielfältig und damit innovations- und zukunftsfähig aufgestellt sein.

Noch immer ist die Strahlkraft von Autoherstellern unter Absolventen größer als die von Zulieferern oder Ingenieurdienst­leistern, obwohl dort oft eine interessantere Aufgabenvielfalt wartet. Warum sollte ein Top-Absolvent zu Conti gehen, wenn er auch ein Angebot von BMW hat?
Wer bei Continental arbeitet, hat nicht nur mit spannenden Themen und innovativen Technologien zu tun. Einer unserer vier Unternehmenswerte ist außerdem Handlungsfreiheit. Und das spielt gerade in der Entwicklungs- und Innovations­tätigkeit eine ganz zentrale Rolle. So fördern wir ganz bewusst neue Ideen, Kreativität und das Ausprobieren.

Conti gilt als Marktführer für die Entwicklung von Technologien für das autonome Fahren. Wenn heute Apple bei Ihnen die Herstellung eines iCars in Auftrag geben würde, was würden Sie liefern können?
Wir entwickeln Technologien und Produkte, die das automatisierte Fahren ermöglichen werden – vom redundanten Bremssystem über die Sensorik bis hin zur Mensch-Maschine-Schnittstelle und der Vernetzung des Fahrzeugs. Unser Portfolio bieten wir natürlich jedem potenziellen Kunden. Für das automatisierte und autonome Fahren gibt es allerdings noch einige Hürden zu meistern, die in erster Linie davon kommen, dass der Fahrer je nach Automatisierungsgrad immer stärker aus der Verantwortung genommen wird. Es geht also um Robustheit, um Ausfallsicher­heit, es geht um Verfügbarkeit von Funktionen und um ein genaues Umgebungsbild, wofür wir auch die Vernetzung von Fahr­zeugen benötigen. Auch der Dialog zwi­schen Fahrer und Fahrzeug muss so gestaltet werden, dass der Fahrer rechtzeitig wieder das Steuer über­nehmen kann. Da gibt es also noch einiges an Entwicklungsarbeit zu leisten.

Ist es denn für Sie ein realistisches Sze­nario, dass Technologieunternehmen in die Automobilproduktion einsteigen?
Es ist durchaus ein realistisches Szenario, dass sich Technologieunternehmen im Automobilgeschäft betätigen wollen. Dass der Automobilmarkt auch neuen Unternehmen eine Chance bietet, hat sich nicht zuletzt anhand zahlreicher chinesischer Automobilhersteller gezeigt, die in den letzten Jahren entstanden und gewachsen sind. Welche strategischen Überlegungen dahinter stecken, ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich – gerade Google und Apple sind aus meiner Sicht sehr unterschiedliche Unternehmen.

Kundenanforderungen erkennen und erfüllen

Die EU-Emissionsregeln setzen die Hersteller unter Druck, die Elektrifizierung voranzutreiben. Wann rechnen Sie damit, dass sich Elektro-Autos durchsetzen?
Rein elektrisch betriebene Fahrzeuge werden wegen der begrenzten Leistung heutiger Batterietechnik für die nächsten Jahre noch ein Nischenprodukt bleiben. Für uns hängt der Fortschritt an einigen wesentlichen Herausforderungen: Das Elektroauto mitsamt Batterie muss gemäß Kundenerwartung eine Lebensdauer von etwa 200.000 Kilometern haben. Eine Reichweite von 500 Kilometern mit einer einzigen Ladung ist darüber hinaus das von den Kunden gewünschte Minimum. Und es muss zu erschwing­lichen Preisen verfügbar sein. Schließlich braucht es eine geeignete Lade-Infrastruktur – im Idealfall mit der Möglichkeit zum induktiven Laden. All diese Anforderungen benötigen noch einige Jahre Entwicklungszeit. Deshalb werden wir in den nächsten Jahren eine große Zahl von Hybridfahrzeugen sehen, wobei der 48-Volt-Hybrid einen Großteil ausmachen wird.

Auf welche technologische Innovation bei der Continental sind Sie besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf unser Augmented Reality Head-up Display, bei dem wir Informationen aus Fahrerassistenz und Navigation dort sichtbar machen, wo sie für den Fahrer relevant sind – nämlich dort wo sie passieren – auf der Straße. Dazu projizieren wir Displayinhalte über die Windsschutzscheibe des Fahrzeugs mitten auf die Straße. Der Navigations­pfeil wird dann zum Beispiel direkt auf der Abbiegespur angezeigt. Das Ergebnis, we­niger Ablenkung und intuitivere Auf­- nahme von Informationen.

Gehört zu den für Sie wichtigen strategi­schen Themen auch die Frage, wie man der bei jungen Menschen sinkenden  Begehrlichkeit des Autos begegnet?
Natürlich beschäftigen wir uns intensiv mit allen Fragen, die die Zukunft der Mobilität betreffen. Gerade die zunehmende Urbanisierung stellt große Herausforderungen an den Individualverkehr. Staus, knapper Parkraum, Smog sind hier nur ein paar Stichwörter mit denen Autofahrer in Megacities täglich zu kämpfen haben. In unserer Mobilitätsstudie haben wir allerdings festgestellt, dass es nach wie vor auch für junge Menschen in der Stadt wichtig ist, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen. Wir denken daher, dass wir mit der Vernetzung von Fahrzeugen und der Infrastruktur große Potenziale für ein intelligentes und effizientes Verkehrssystem wecken müssen. Daran arbeiten wir nicht zuletzt in unserer neu gegründeten Geschäftseinheit im Silicon Valley.

Ralf Lenninger, Abteilungsleiter, Continental, HI:TECH CAMPUS, Innovationen der Automobilbranche, Visionär, Daten, Technologie, autonomes Fahren

Ralf Lenninger ist Leiter der Strategie- und Innovationsabteilung der Division Interior bei Continental.

Ist für Sie vorstellbar, dass ein Unter­nehmen wie uber eine autonom fahrende Taxiflotte aufbauen wird?
Ich denke, wir werden zukünftig immer mehr Unternehmen sehen, die individuelle Mobilität als Dienstleistung anbieten. Der Erfolg zeigt sich bereits heute an den immensen Zuwachsraten von Car Sharing-Diensten. Autonome Fahrzeuge sind hier für den Kunden ein weiterer Komfortgewinn – da er sich während der Fahrt anderen Dingen widmen kann.

Welches Auto fasziniert Sie persönlich?
Was mein Herz höher schlagen lässt, ist ein Morgan 8 in klassischem British Racing Green, mit Speichenrädern und Holz­rahmen: Ein Auto, bei dem es nur ums Autofahren geht. Ich möchte damit zwar nicht jeden Tag ins Büro fahren, aber auf der Landstraße in Richtung Sonnenuntergang gibt es nichts Schöneres.

Stand: Herbst 2015


Weitere Informationen unter www.conti-online.com

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