Utopia für Data Scientists?

Die Quintessenz von Outfittery stellt man sich so vor: Ein Stylist steht im Showroom und koordiniert ganz individuelle Outfits für die männlichen Kunden und verpackt sie liebevoll. Mit IT scheint das erst einmal wenig zu tun zu haben, dabei ist sie absolut maßgebend für sämtliche Prozesse hinter dem Shopping-Konzept. hitech-campus.de sprach mit den beiden Gründerinnen Julia Bösch und Anna Alex über die IT-Seite ihres Start-ups.

Auch wenn man das von außen nicht sieht – es geht um wesentlich mehr als eine Website, auf der Männer sich komplette Outfits vorschlagen und sie einkaufen können. „In Sachen IT gibt es zum einen die Stylistentools und zum anderen das ERP-System“, stellt Gründerin Anna Alex in Aussicht.

Bei einem Retail-Business wie Outfittery steht der Kunde im Mittelpunkt, für den der maximale Mehrwert generiert wird. Das geschieht dann, wenn die richtigen Artikel in der Box landen. Klingt nach einer einfachen Aufgabenstellung, doch dabei geht es auch um Fragen wie: Wann möchte der Kunde sie haben? Wie kommuniziert man mit ihm? Also auch Informationsaufnahme und -ver­arbeitung. Das Erfolgsrezept von Outfittery bestehe aus Harmonie zwischen digitalen und analogen Gegebenheiten. Der Stylist kann im Showroom tatsächlich auf alle Artikel zugreifen, das finale Outfit wird am Ende des Tages mittels der Stylistentools auf dem Bildschirm zusammengestellt. Anna Alex unterstreicht: „Wir streben eine perfekte Balance zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz an. Wir sind davon überzeugt, dass der menschliche Faktor noch sehr lange eine wahnsinnig wichtige Rolle spielen wird.“ Gerade in der Modebranche, die sehr emotional sei, denn Menschen identifizieren sich mit der Kleidung, die sie tragen. Sie treffen damit eine Aussage über ihre eigene Person. Ein Stylist kann sich aber nicht alles merken. Gerade bei den 400.000 Kunden verfüge Outfittery mittlerweile über sehr viele sensible Daten, die mit Hilfe der Tools gemanagt werden. „Diese Tools haben wir selbst gebaut, weil unsere Anwendungen und Anfor­derungen sehr spezifisch sind. In diesem Bereich betrachten wir uns als Innovationstreiber“, erläutert Julia Bösch weiter.

Tools für Stylisten werden von den Tech-Teams gebaut

Beim ERP-System baut das Start-up auf bestehende Software auf. Damit die Prozesse reibungslos laufen, entwickeln die Informatiker bei Outfittery die Stylistentools stetig weiter. Angesiedelt sind die IT-Teams in der Tech-Abteilung. Die umfasst die gesamte IT, Produkt und Data mit ins­gesamt 35 Mitarbeitern. Die Kern­aufgabe der Tech-Abteilung? Die Stylisten so gut wie möglich zu unterstützen. Das Team für Machine Learning aus dem Bereich Data zum Beispiel arbeitet horizontal zu den Scrum-Teams und versorgt diese mit allem, was sie brauchen, um Features der Tools so intelligent wie möglich zu machen.

Damit es sinnvoll wurde, sich dem Thema Machine Learning und Big Data zu nähern, musste Outfittery erst einmal genügend Daten zu den Kunden ansammeln. Data Science ist in der Anwendung eine sehr junge Disziplin, mit der gerade in vielen Branchen experimentiert wird. Die Informatiker von Outfittery haben relativ früh damit begonnen und beschäftigen schon seit drei Jahren Data Scientists. Deswegen ist das Fashion-Unternehmen jetzt schon so weit, dass über die Daten ein echter Mehrwert für Stylisten und damit den Kunden geboten werden kann. Ein konkretes Beispiel: Die 360°-Vermessung der Kunden. Das Gerät wurde zusammen mit der TU München entwi­ckelt, darin verbaut ist die Kinect-Technologie von Microsoft. Im Inneren findet man sich vor einem großen Touchscreen wieder und steht auf einer Drehscheibe. Für den Scan dreht sich die Person einmal vollständig um 360 Grad. Nach ein paar Sekunden steht das Ergebnis fest. Mit etwa 140 Euro ist der Scanner vergleichs­weise günstig bereitzu­stellen – und kam laut Outfittery bei den Kunden sehr gut an. Doch dann wartete bereits die nächste Herausforderung: In der E-Commerce-Branche ist das Thema Kleidungs­größen noch nicht ansatzweise gelöst. Die Herstellerseite ändere die Größen ihrer Produkte von Saison zu Saison. „Oft haben sie keinen Überblick, ob ihre Artikel eher größer oder kleiner ausfallen. Davon sind wir aber nun einmal abhängig“, merkt Anna Alex an.

Mitarbeiter experimentieren gern und oft mit Innovationen

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Persönliche Ansprache, individueller Style – das Erfolgsrezept von OUTFITTERY.

Hält Virtual Reality (VR) dann ebenfalls Einzug bei Outfittery? Auch diesen Trend prüften die Teams auf Herz und Nieren. Vom Showroom wurde ein VR-Video gedreht, in dem Stylisten einzelne Artikel vorstellen. Die Kunden fanden das zwar charmant, aber ein konkreter Nutzen habe sich daraus nicht ergeben – ein entscheidender Faktor für die Zukunft einer technologischen Innovation. Bei VR sei es so, dass es noch einige Jahre brauche, um marktreif zu sein. Allein die Videos seien aktuell noch viel zu teuer. Vor kurzem hat Anna Alex sich sogar mit Susan Wojcicki, der CEO von YouTube, getroffen. Auch sie gehe davon aus, dass VR auch bis Ende 2018 einfach noch nicht so weit sei, um Märkte zu revolutionieren. In dieser Hinsicht habe die gesamte Branche noch viel aufzuholen, denn der Großteil der Prozesse sei immer noch stark offline orientiert. „Es gibt einige Messen, dort schaut man sich Kollektionen an, außerdem fahren unsere Ein­käufer zu den Showrooms der einzelnen Hersteller. Als ich, ganz am Anfang, das erste Mal eingekauft habe, war ich ziemlich geschockt, wie ineffizient und off­line die Abläufe teilweise sind.“ Mit etwas Technik ließe sich hier viel optimieren: Allein, wenn die Hersteller ihre Produkte katalogisieren würden und man einen Artikel bestellen könnte, ohne ihn sich vorher direkt selbst anzusehen – das sei aber alles gerade erst im Kommen. Kurz zusammengefasst: Angehenden Informatikern bietet sich in der Branche allgemein und bei Outfittery im Speziellen einige Vorteile: Entwicklungschancen, neue Technologien direkt praktisch einzusetzen und auszuprobieren – und so zu Vorreitern der Digitalisierung im E-Commerce zu werden.

Gerade im Data Bereich sucht das Start-up immer wieder motivierte Kollegen. Das Schöne bei Outfittery sei, dass sehr praxisnahe Anwendungen von Big Data geboten und sofort in Features umgesetzt werden. Bei so viel IT in der Basis – müssen die beiden Gründerinnen von Outfittery nicht auch eine gewisse IT-Affinität mitbringen? Anna Alex hat immer im IT-Produktmanagement gearbeitet, mit einer großen Leidenschaft für ,ihre‘ Techies, selbst aber keine IT-Ausbildung absolviert. Um er­folg­reich bei Outfittery einzu­steigen, müssten Informatiker wiederum auch kein ausgeprägtes Fashion-Interesse mitbringen. Potenziellen Gründern empfiehlt sie, selbst einmal zwei bis drei Jahre in einem Start-up zu arbeiten, um besser zu verstehen, wie so mancher Prozess wirklich ablaufe. „Ich war zwei Jahre bei Rocket Internet tätig, habe dort verschiedene Projekte miterlebt und super viel gelernt. Damit konnten Julia und ich viele Fallstricke umgehen. Erste Kontakte zu Investoren wie Holtzbrinck konnten wir dort auch schon knüpfen – ein Netzwerk, das uns weit nach vorne gebracht hat.“ Die Gründerin gibt seit 2012 ihr Herzblut für Outfittery. Neben der Business-Erfahrung gäbe es aber auch einfach witzige Anekdoten, fügt sie überraschend in das Gespräch ein. Einmal habe sie ihr Unternehmen in einer IT-Agentur vorge­stellt. Da kam einer der Informatiker zu ihr und fragte: ,Wie kann mir eine Stylistin die perfekte Box zusammenstellen, wenn sie nicht weiß, welche Spiele ich zocke?`- Einfach, weil diese Spiel-spezifischen T-Shirts Teil seines persönlichen Stils waren. Und genau das sind Daten, an die Outfittery durch seine niveauvolle Servicequalität herankommt – und im Sinne des Kunden nutzt. In Sachen Konkurrenz gibt Outfittery sich entspannt – selbst bei der Vorstellung, dass Markenhersteller selbst shop the look anbieten könnten. Curated Shopping sei die Zukunft des Handels, denn der normale Endverbraucher würde Stand jetzt viel zu stark mit Angeboten überschüttet. Der E-Commerce-Markt sei groß, das Marktpotenzial für Curated Shopping enorm. Solange Outfittery der Marktführer sei, wäre alles in Ordnung, erklärt Anna Alex lachend.

Zurück in der analogen Realität: Könnten Frauen irgendwann ebenfalls zur Zielgruppe werden? Anna Alex schmunzelt: „Im Grunde dienen wir jetzt schon den Frauen, weil sie davon profitieren, dass sie gut gekleidete Männer neben sich haben. In diesem Sinne: Möglicherweise ja, aber im Moment gibt es noch viele Männer, die wir einkleiden wollen.“


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Anna Alex (links) und Julia Bösch von Outfittery. Photo Credit: Sebastian Donath

Outfittery wurde Anfang 2012 von Julia Bösch und Anna Alex gegründet. Das Duo spezialiserte sich darauf, für Männer vollständige Outfits zusammenzustellen, um dieser Zielgruppe leidvolle Stunden im Shopping zu ersparen. Aktuell wird das Start-up mit rund 100 Millionen Euro bewertet. Zu den Investoren zählen unter anderem Holtzbrink Ventures, High-Tech Gründerfonds, Mangrove Capital Partners. Mittlerweile ist das Unternehmen in acht Ländern aktiv, hat rund 400.000 Kunden und 300 Mitarbeiter, davon 35 in der Tech-Abteilung. Mehr Informationen zu Jobs auf der Karrierewebsite.


Das Interview führte Bettina Riedel.

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