Data Analytics als Basis für persönlichere Beziehungen

Welchen Nutzen hat Data Analytics für Banken? Steigt im Rahmen entsprechender Projekte der Bedarf an jungen Nachwuchskräften aus dem IT-Umfeld? HI:TECH CAMPUS it sprach mit Marlen Körner, Abteilungsleiterin Kundengeschäftssteuerung sowie Malte Lange, Leiter des neu gestarteten Projekts „Data Analytics“, von der Finanz Informatik (FI), dem IT-Dienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe. 

Im letzten Jahr wurde der Finanzbranche allgemein unterstellt, dass Big Data keine sehr hohe Relevanz genießt. Wie schätzen Sie die Aussage aktuell ein? 

Marlen Körner: Mittlerweile ist sie definitiv veraltet. Wir als Finanz Informatik – der zentrale IT-Dienstleister für die Sparkassen – gehen beispielsweise mit der Initiative voran, das gesamte Wissen in der Sparkassenwelt rund um das Thema Data Analytics zu zentralisieren. Es gibt einige große Sparkassen, die Initiativen im Big Data-Umfeld und Data Analytics umsetzen und dabei kreativ unterwegs sind. 

Malte Lange: Wir haben beispielsweise einen Datenradar aufgesetzt, mit dem wir die verschiedensten Aktivitäten, Projekte sowie vorhandenen Produkte erfassen, die in der Sparkassen-Finanzgruppe bereits existieren und die teilweise von der FI bereitgestellt werden. Den Datenradar nutzen wir, um den Status Quo zu betrachten und diesen auch hinsichtlich neuer Technologien zu bewerten. 

Von welcher Art von Daten gehen Sie aus? 

Malte Lange: Im Wesentlichen haben wir unser Gesamtbankensystem OSPlus. Aus diesem werden Daten zu Bankprodukten, den Kunden und dem Verbund zur Analyse und zur Verwendung für den Berater bereitgestellt. Jede Sparkasse ist eigenständig, jedoch liegen die Daten bei uns im Rechenzentrum. In Summe haben wir Datensätze aus insgesamt rund 50 Millionen Kundenbeziehungen auf unseren Servern in Deutschland gespeichert.

Welche Dienstleistungen erbringen Sie für die Sparkassen-Finanzgruppe?

Marlen Körner: Unser Portfolio ist eine Art Rundum-IT-Paket. Das erstreckt sich über die PCs in den Filialen, die Geldautomaten bis hin zur Software, aktuellen Sparkassen-Apps und weiteren Dienstleis­tungen darüber hinaus. Beispielsweise schulen wir Sparkassenmitarbeiter zu Experten, die innerhalb der Sparkassen-Finanz­gruppe wiederum ihre Kollegen weiterbilden und so als Multiplikatoren wirken. Im Kontext Data Analytics gibt es zwei Herangehensweisen der Sparkassen: Manche fragen ganz grundsätzlich an, was die Analysen für sie leisten können, andere haben konkretere Fragestellungen. Es gibt sehr viele Erkenntnisse, die man aus Daten ableiten kann – das macht die Arbeit so wahnsinnig spannend. Im Moment konzentrieren wir uns hauptsächlich auf Anwendungsfälle aus dem Vertrieb.

Können Sie einen skizzieren?

Malte Lange: Ein dauerhaftes Ziel für die Sparkassen ist natürlich, möglichst zufriedene Kunden zu haben. Mit Data Analytics sind wir in der Lage, genau das wesentlich gezielter und individueller zu ermitteln. Ergibt die Analyse, dass es Verbesserungsmöglichkeiten gibt, kann der Sparkassenberater seinen Kunden vielleicht mit einem passenderen Produkt versorgen. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto individueller und effizienter die Betreuung und umso zufriedener der Sparkassenkunde.

Das heißt, diese 50 Millionen Datensätze kann man auf einen einzelnen Fall herunter brechen?

Malte Lange: Nein, das wollen wir auch gar nicht. Wir klassifizieren Gruppen oder führen Indikationen durch. Bisher war es so, dass der Berater jeden Kunden persönlich kannte, der in seine Filiale kam. Dadurch war das Verständnis um die Lebenssituation des Kunden und dessen Bedarf immer sehr hoch. Im Rahmen der Digitalisierung und der Technologisierung besuchen aber – verständlicherweise – immer weniger Sparkassenkunden eine Filiale. Somit dient Data Analytics den Banken als Tool, um weiterhin ein gutes Kundenverständnis zu haben. Die Kontoinhaber bringen die entsprechende Er­wartungshaltung mit: Sie gehen davon aus, dass der Sparkassenberater ihre Lebenssituation und ihren Bedarf kennt. Unsere Lösung ermöglicht schnelle Analysen, sodass die Sparkassen effizient und kundenorientiert handeln können.

Gerade im Bereich Banking ist es so, dass viele Geheimhaltungspflichten und Datenschutzvorgaben die Datenverarbeitung einschränken. Hatte die DSGVO spürbare Auswirkungen?

Malte Lange: Der Bankenbereich ist schon immer ein reguliertes Umfeld ge­wesen, sodass die DSGVO nun noch stärker schützt, was für uns schon vorher schützenswert war. Das begrüßen wir bei der FI, denn jeder von uns ist selbst Bankenkunde und versteht, dass es um sehr sensible Daten geht.

Bei uns ist das Projekt Data Analytics in der Abteilung Kundenvertriebssteuerung verankert. Die Optimierung des Vertriebs ist keine neue Aufgabe, aber mit Smart Data haben wir ein neues Tool hinzubekommen. Das ist der Grund, warum wir insbesondere junge, gut ausgebildete Leute für dieses Projekt brauchen, welches abteilungsübergreifend organisiert ist. Das heißt, es arbeiten nicht nur Kollegen aus der Softwareentwicklung und dem Datenmanagement mit, sondern auch die Kollegen aus dem Bereich des Rechenzentrums. Und auch wenn es vielleicht bisher so klang: Das Projekt ist nicht ausschließlich vertriebslastig, es sind viele Bereiche involviert.

Inwiefern?

Wir nutzen die Daten auch, um unsere IT-Systeme zu optimieren. Da geht es so­wohl um Performance-Optimierung als auch um Überwachung der Software, um Fehlfunktionen zu eliminieren. Nicht zu vergessen das Thema Fraud-Detection sowie der IT-Betrieb, der kontinuierlich effizienter und optimiert wird.

Ein weiteres Feld ist der Punkt Process-Mining, wobei man sich damit beschäftigt, allgemeine Unternehmens-prozesse zu bewerten und zu analysieren, was da­rin an Potenzialen steckt. Wir haben verschiedenste Projekte, die sich mit dem Kundenerlebnis beschäftigen.

Insbesondere im Kontext Data Analytics liegt der Fokus auf der Frage: „Wie helfen wir einer Sparkasse am besten?“ Dann gibt es Projekte, die sich aktuell mit dem Online-Banking für Kunden beschäftigen und zukünftig neue Funktionalitäten bereitstellen, sodass man verschiedene Konten in einer Übersicht, also Multi-Banking-Fähigkeit zur Verfügung stellt.

Das klingt nach einem spannenden Aufgabenportfolio für junge Hochschulabsolventen. Welchen Stellenbedarf ha­ben Sie aktuell?

Marlen Körner: Aufgrund der Digitalisierung ist der Bedarf grundsätzlich angestiegen. Insgesamt hat die Finanz Informatik zirka 120 Stellen für Informatiker und bankfachliche Experten ausgeschrieben. Die genauen Aus-schreibungen finden Interessierte immer auf unserer Karrierewebsite. Im Bereich Data Analytics geht es los bei Front­end- und Backend-Entwicklern, zu­dem brauchen wir die typischen Data-Rollen. Dazu ge­hören Data-Engineers beziehungsweise Data-Architekten sowie Mo­dellierer. Wir wollen Testverantwortliche einstellen, die Interesse an Qualitätsmaßnah­men inklusive des Testmanagements ha­ben. Allein in unserer Abteilung sind es in etwa 16 Stellen in den nächsten drei Jahren.

Was sollte ein Hochschulabsolvent mitbringen, wenn er sich bei Ihnen bewerben möchte?

Malte Lange: Ein grundlegendes mathematisches Verständnis ist Grundvoraussetzung. Den Begriff „Kommunikationsfähigkeit“ hört man oft, aber diese Fähigkeit ist entscheidend, um im Dialog mit den ver-schiedenen Ansprechpartnern gut arbeiten zu können. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, wie wir die Kollegen verzahnen können, die die Infrastruktur bereitstellen oder aufbauen. Ge­genseitiges Verständnis ist hierbei etwas Essenzielles. Ein Analytiker muss dem Kollegen aus der Infrastruktur ein gewisses Maß an Verständnis entgegenbringen und umgekehrt. Das stellt eine wesentlich engere Symbiose dar, als dies in der klassischen Softwareentwicklung der Fall ist.

Gibt es am Anfang fachliche Schulungen, um fehlendes Wissen aufzufüllen?

Marlen Körner: Ja, absolut, dafür haben wir sogenannte Standardseminare „Bankwissen“, die jeder Berufseinsteiger nach seinem persönlichen Bedarf und Interesse bekommt.

Was fasziniert Sie selbst am Bereich Smart Data am meisten? 

Malte Lange: Ich finde es beeindruckend, wie man mit Data Analytics beispielsweise durch Technologie noch stärkere persönliche Bindung zu Kunden herstellen kann. Es ist zudem spannend, dass man nicht nur in seiner eigenen Abteilung unterwegs ist, sondern viele Schnittstellen im Unternehmen hat und somit ein großes berufliches Umfeld für die nächs­ten Karriereschritte. 


Marlen Körner hat bei der FI erst die Ausbildung zur IT-System­kauf­frau absolviert und dann Bankkauffrau an der Sparkassen­aka­demie gelernt. Anschlie­­­ßend studierte sie BWL an der Fern­uni Ha­gen.

Malte Lange ist seit 2010 bei der FI tätig, absolvierte zunächst die Ausbildung zum Fachinformatiker und studierte danach Wirtschafts­informatik (Ba­chelor) an der FH Münster.

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