Backend-Programmierung von Games – ein Job für Frauen

Lustig, bunt, exzentrisch, schnell bis hektisch und agil – so stellt man sich als Außenseiter vielleicht den Berufseinstieg in die Gaming-Industrie vor. Worum es wirklich geht und ob die Branche für ein gerüttelt Maß „Female IT-Engineering“ bereit ist, haben wir bei Erinda Jaupaj in Erfahrung gebracht. Die Programmiererin unterstützt Frauen nicht nur persönlich beim Einstieg in die Game-Programmierung, sondern hat auch Tipps für die Leserinnen von hitech-campus.de.

Erinda Jaupaj, Backend-Programmiererin bei Wooga

Frau Jaupaj, wie haben Sie den Weg in die Game-Programmierung gefunden und wieso haben Sie sich fürs Backend entschieden?
Schon zu Schulzeiten war ich in MINT-Fächern besonders gut. Dadurch war mir schnell klar, dass ich nach meinem Abschluss etwas in diese Richtung studieren möchte. Hinzukommt, dass meine Mutter mir und meinen Geschwistern zuliebe zu Hause geblieben ist, um sich um uns zu kümmern – mir war früh bewusst, dass das nichts für mich ist. Mir war nämlich wichtig, dass ich einen zukunftssicheren Job finde. Mit meiner Entscheidung Programmiererin zu werden, ist mir das auf jeden Fall gelungen. Zu Beginn meiner beruflichen Karriere habe ich mobile Anwendungen programmiert und im Anschluss in der Entwicklung von Webanwendungen gearbeitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass mir die Arbeit an der Benutzerschnittstelle (User Interface, kurz UI) nicht so viel Freude bereitet, wie die Automatisierung von Abläufen und das sogenannte „Heavy Lifting“ im Backend. Hier bin ich schließlich geblieben – und ich liebe es!

Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich als Backend-Programmiererin eines Spielesoftwareunternehmens nicht unmittelbar an der Entwicklung des eigentlichen Spiels beteiligt bin, sondern alle Spiele-Teams im Backend unterstütze.

Die Aufgaben von Backend-Programmierern

Erfüllen Backend-Programmierer rein einen Auftrag oder können Sie sich auch gestalterisch einbringen?
Wie bereits erwähnt, wird das Backend bei Wooga als Dienstleistung behandelt. Das hängt auch damit zusammen, dass das Backend für den Spieler selbst erst einmal nicht im klassischen Sinne sichtbar ist. Alles was wir als Team leisten, spielt sich demnach im Hintergrund ab. Das macht unsere Arbeit aber nicht weniger wichtig. Unsere Spiele werden täglich von Millionen Menschen auf der ganzen Welt gespielt, sodass kontinuierlich gigantische Datenmenge verarbeitet werden müssen. Diese Prozesse finden außerhalb der App statt, diese bekommt quasi nur die Ergebnisse zurück.

Das klingt für Viele erst einmal trocken und sehr technisch. Aus meiner Sicht bietet mein Beruf jedoch viel Raum für Kreativität, weil ich mir kontinuierlich neue Wege überlegen muss, wie zum Beispiel die Datenmengen effizienter aufbereitet werden können, um Rechenleistung zu reduzieren.

Wie sieht es in Ihrem Bereich denn mit der Diversität aus?
Unser Backend-Team bei Wooga besteht aktuell aus insgesamt acht Personen und derzeit bin ich die einzige Frau. Im Allgemeinen ist Wooga jedoch das erste Unternehmen, für das ich gearbeitet habe, in dem eine ganze Reihe von weiblichen Ingenieuren in verschiedenen Abteilungen, wie Data Engineering, Data Science oder Full Stack Development arbeiten.

Frauenförderung – gegenseitiger Support

Warum empfinden Sie diese Verteilung als nachteilig?
Ich würde es eher so beschreiben: Es gibt viele gute Gründe, mehr Entwicklerinnen zu beschäftigen. Mir fiel es zu Beginn schwer, mich anzupassen. Besonders am Anfang einer Karriere kann es sein, dass man etwas zurückhaltender ist und sich nicht traut, die Stimme zu erheben oder auch den eigenen Platz am Tisch einzufordern. Wenn es dann mindestens eine „gleichgesinnte“ Person im Team gibt, ist das hilfreich. Man fühlt sich wohler, traut sich eher, um Rat zu fragen und kann sich austauschen. Aus meiner Sicht ist es außerdem wichtig Vorbilder zu haben und schon junge Mädchen zu inspirieren, eine Karriere im technischen Bereich in Betracht zu ziehen. Offen gesprochen: Es ist kein Geheimnis, dass Vielfalt einen positiven Effekt auf das Ergebnis und Problemlösungen im Allgemeinen hat.

Wie können sich Frauen gegenseitig unterstützen, ohne sich unabhängig von fachlicher Qualifikation zu bevorteilen?
Ich kann nur raten: Sei offen! Sei offen, um zuzuhören, Feedback zu geben und vor allem Fragen zu stellen. In dem Zusammenhang ist es auch wichtig, selbst um Feedback zu bitten, denn nur so kann man sich weiterentwickeln. Was ich derzeit häufig beobachte, ist, dass deutlich mehr um Rat und Hilfe bei der Vorbereitung auf Bewerbungs- und Personalgespräche gebeten wird – das finde ich großartig. Also: Traut euch und schließt euch einer Gruppe an. Findet Gleichgesinnte, mit denen ihr euch austauschen könnt.

Generell bezweifle ich aber, dass irgendein Unternehmen jemanden nur wegen seines Geschlechts einstellen würde, ohne dass derjenige darüber hinaus die erforderlichen Qualifikationen und Fähigkeiten aufweist.

Inwieweit sind Sie selbst in der Women in Tech-Szene involviert?
Ich habe in Trient, Italien, studiert. Meinen Abschluss habe ich mit insgesamt 100 Studierenden, davon fünf Frauen, gemacht. Diese Zahl hat sich auch mit dem Wechsel in die Berufswelt nicht wesentlich verändert. Aus diesem Grund habe ich selbst eine Gruppe gegründet, mit dem Ziel, Frauen in meiner Branche miteinander zu vernetzen. Wir haben ursprünglich mit zwei Frauen begonnen, jetzt sind wir über 50, die sich gegenseitig dabei helfen zu lernen, wie man programmiert und einen Weg in die Tech-Branche zu finden.

Mir macht es Spaß, andere Frauen zu unterstützen. Ich habe mich zum Beispiel regelmäßig mit einer Frau getroffen, die Mutter von zwei Kindern ist. Nachdem sie die Uni beendet hat, hat sie zehn Jahre lang nicht mehr gearbeitet und sich um ihre Familie und die Kinder gekümmert. Nachdem ihre Ehe in die Brüche gegangen ist, brauchte sie einen Job, um die Familie allein zu ernähren. Wir haben uns dann etwa sechs Monate lang zweimal pro Woche getroffen und ich habe ihr das Coden beigebracht. Letztlich hat sie einen Job als Programmiererin gefunden, der gut bezahlt wird, sodass sie für den Unterhalt ihrer Familie problemlos aufkommen kann. Ich bin froh, dass ich sie dabei unterstützen konnte und will auch weiterhin, wenn mich jemand kontaktiert, je nach Bedarf in irgendeiner Weise helfen.

Berufseinstieg in die Gaming-Industrie: Quereinstieg?

Stichwort Quereinstieg: Würden Sie Frauen ein Selbststudium in Sachen Programmieren empfehlen und wo gibt es Anlaufstellen für Interessierte?
Ja, absolut. Inzwischen ist alles auch online verfügbar und vieles sogar kostenfrei. Zu Beginn kann es hilfreich sein, einer lokalen Gruppe beizutreten und sich mit anderen Frauen aus der Stadt beziehungsweise Branche zu verbinden. Dort besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Mentoren zu finden und natürlich Unterstützung zu erhalten. Außerdem ist eigentlich jeder, der sich in diesen Netzwerken engagiert, super offen für Hilfestellungen und bei Fragen ansprechbar. Das können natürlich auch diejenigen in Anspruch nehmen, die noch keinerlei Erfahrungen haben.

Wenn man Sie mit der Programmierung eines Games rein für Frauen beauftragen würde – würde sich das Spiel stark von herkömmlichen unterscheiden?
Ich glaube nicht. Über 80 Prozent der Menschen, die Spiele von Wooga spielen, sind weiblich. Und ich glaube, das liegt daran, dass wir fantastische Charaktere entwickelt haben. Das wiederum haben wir unserem sehr vielfältigen Autorenteam zu verdanken. Für mich ein weiterer Beweis dafür, dass diverse Teams bessere Produkte hervorbringen. Ich persönlich möchte an Spielen arbeiten, die ich selbst gerne spiele. Aus meiner Sicht geht es vor allem darum, besondere Erlebnisse für Gamer zu schaffen, egal ob es sich dabei um Frauen oder Männer handelt.

Zocken Sie selbst auch und wenn ja, welche Spiele? 😉
Ja, ich mag eigentlich alle Arten von Spielen und spiele viel für die Arbeit, aber auch in meiner Freizeit. Neben Spielen von Wooga (June’s Journey und Pearl’s Peril) mag ich derzeit vor allem „Factorio“, „Celeste“ und „Doom 2016“, um nur ein paar Beispiele zu nennen.


Mehr Beiträge zur Gaming-Branche findest du hier. und den offiziellen game-Verband hier.

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