Auf der Suche nach neuen Finanzprodukten, die den Menschen nutzen

Die Finanzbranche war schon immer technologiegetrieben, doch die klassischen Banken haben lange Zeit den Kunden außen vor gelassen. Das ändert sich nun mit der rasant ansteigenden Zahl von FinTechs, Big-Techs und Neobanken, die nicht nur den bestehenden Markt angreifen, sondern auch neue Märkte ins Leben rufen. Das Gute ist: Hochschulabsolventen können in allen drei Segmenten die Zukunft mitgestalten.

Die Digitalisierung der Finanzwirtschaft begann vergleichsweise früh, als in den 1960er Jahren die ersten Geldautomaten eingeführt und wenig später Computer im Kernbankgeschäft integriert wurden. Auch in den darauffolgenden Jahren gab die Finanzwirtschaft relativ große Beträge für die Informationstechnologie aus. Dabei wurde eines jedoch häufig vergessen: der Nutzen für den Endkunden. Aus diesem Grund wurden in den letzten Jahren zahlreiche FinTechs gegründet, die sich Teile der Wertschöpfungskette klassischer Banken herausgreifen und diese vor allem IT-seitig deutlich kundenfreundlicher gestalten.

Banken und Versicherungen haben es häufig schwer, auf die viel agileren FinTechs und InsurTechs zu reagieren, da vor allem die IT-Kernsysteme vieler Banken veraltet sind. Bei traditionellen Banken existieren zahlreiche Programme, die auf der Programmiersprache COBOL basieren, welche Informatikstudierende an deutschen Universitäten heute aber kaum noch lernen und beherrschen. Um diese Programme anzupassen, müssen Banken auf ausländische Programmierer zurückgreifen, was in der Regel mit Effizienzverlusten verbunden ist.

Bis heute scheuen Banken und Versicherungen eine Umstellung ihrer Kernsysteme, um den damit verbundenen Risiken auszuweichen. Mittlerweile helfen FinTechs, den klassischen Banken ihre Systeme zu modernisieren.

Viele Banken und Versicherungen experimentieren aktuell mit der Blockchaintechnologie und Robo-Advice-Anwendungen. Kassenschlager, die einen konkreten Kundennutzen für die Endkunden versprechen, wurden mit der Blockchaintechnologie bislang kaum entwickelt. Dabei weist die Technologie vor allem für die Verrechnung und Erfüllung von Wertpapiergeschäften Potenziale auf. Der Markt für Robo-Advice ist in den letzten Jahren bereits auf etwa 4 Milliarden Euro angestiegen. Im Vergleich zu den rund 6.000 Milliarden Euro Geldvermögen privater deutscher Haushalte bietet dieser Markt enorme Wachstumschancen. Robo-Advice setzt ein gewisses Finanzwissen bei den Kunden voraus, die dem Anbieter bei einer Geldanlage zumindest ihre Risikoneigung mitteilen müssen. Gleichzeitig dürfen die Kunden nicht zu finanzaffin sein, da sie sich sonst selbst um ihre Finanzen kümmern können und wollen. Das heißt, auch im Segment Robo-Advice stehen die Kunden nicht Schlange, sondern müssen von den Banken, Versicherungen und FinTechs angeworben werden.

Bis heute scheuen Banken und Versicherungen eine Umstellung ihrer Kernsysteme

Banken und Versicherungen stehen den FinTechs jedoch keinesfalls feindlich gegenüber, sondern integrieren deren Dienstleistungen und Produkte zunehmend in das eigene Angebot. Dass FinTechs in Zukunft die Banken verdrängen, ist daher eher unwahrscheinlich. Viel entscheidender wird in Zukunft sein, wer die Standards für Schnittstellen vorgibt und wie der Zugang zu diesen geregelt sein wird. Zwar haben die Kunden mit Einführung der 2. Zahlungsdiensterichtlinie nun die Möglichkeit, Drittanbietern wie FinTechs ihre Bankdaten freizuschalten. Allerdings haben die Banken weiterhin die Hoheit, wie die jeweilige Schnittstelle programmiert ist. Auch in Zukunft werden Bankgeschäfte, wie die Kreditvergabe, legal nur von Banken getätigt werden können. Fraglich ist hingegen, welche Unternehmen in Zukunft eine Banklizenz besitzen. Auch BigTechs wie Amazon vergeben seit einigen Jahren Kredite an Kleinstunternehmen und haben sich dafür eine entsprechende Lizenz besorgt.

In Zukunft werden sowohl Banken als auch FinTechs vermehrt Absolventen mit einem IT-Hintergrund suchen. Diese müssen sich gut überlegen, welche Unternehmenskultur besser zu ihnen passt: Start-ups versprechen nicht nur Innovation und spannende Projekte, sondern häufig auch wenig erprobte Strukturen. Diese können gerade bei klassischen Banken wiederum sehr eingefahren sein und bei innovativen Köpfen für Frust sorgen.

Zweifellos dürfte für Absolventen der Blick Richtung Fernost, insbesondere China, spannend sein. Dort bieten Technologieunternehmen wie Alibaba und Tencent Finanzdienstleistungen und Bezahlsysteme an, die auch in Deutschland verfügbar sind oder dies in Zukunft sein werden.

Es geht nicht mehr rein um das IT-Know-how, sondern auch das Marktverständnis

Wichtig ist, dass Informatikstudierende zukünftig nicht nur Wissen über die Technologie mitbringen, sondern auch verstehen, wie Finanzmärkte funktionieren. Neue Technologien wie die Blockchain haben nämlich nur dann Potenzial, wenn sie dem Kunden auch einen Mehrwert stiften. Das klassische Bankgeschäft krankt zwar an vielen Ecken und Enden, bislang war aber gerade das sogenannte Bankgeheimnis beim Kunden geschätzt und Transparenz der Transaktionen nicht erwünscht.

Ebenso gab es bislang bei vielen Banken und Kunden kein Problem, Transaktionen nachvollziehbar zu gestalten. Um erfolgreich neue und technologiegetriebene Angebote zu schaffen, ist daher die Kenntnis über die Funktionsweise der Finanzwirtschaft unerlässlich.

Wer in der Finanzbranche bestehen will, muss zudem Verantwortung für die Finanzen der Kunden übernehmen. Gleichzeitig muss er Innovationen gegen unternehmensinterne und regulatorische Widerstände voranbringen und darf dabei den Kunden­nutzen nicht aus dem Auge verlieren. Wem das gelingt, der kann in der Finanzbranche die Zukunft von Produkten und Dienstleis­tungen mitgestalten, die fast jeder nutzt und die einen direkten Einfluss auf das materielle Wohlergehen vieler Menschen haben können.


Lars Hornuf ist Professor für Betriebs­wirtschaftslehre, insbesondere Finanzdienstleistungen und Finanztechnologie, an der Universität Bremen, Affiliated Research Fellow am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb sowie Affiliate Member im CESifo Research Network. Neben der Lehre, der wissenschaftlichen Forschung und externen Vorträgen ist die Professur auch in der Politik- und Wirtschaftsberatung aktiv.


Mehr zur Finanzbranche könnt ihr hier durchlesen – auch wo ihr welche Einstiegschancen habt 😉

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