Wider die Einsamkeit

Virtuelle Vorlesungen, Ausgangsbeschränkungen, kaum eine Chance Freunde zu treffen oder sich einfach mal unter die Leute zu mischen. Die Corona-Pandemie fährt nicht nur die Wirtschaft herunter, sondern auch die sozialen Kontakte. In der momentanen Lage fühlen sich viele plötzlich ziemlich einsam. Ausgerechnet Studenten gelten als Risikogruppe für psychische Belastungen und für Einsamkeit. 

In einer Umfrage des Deutschen Studentenwerks gaben vier Prozent der Studierenden an, so große Kontaktschwierigkeiten zu haben, dass sie sich Hilfe wünschen. Weitere elf Prozent spürten de­pressive Verstimmungen, die oft aus Einsamkeitsgefühlen resultieren. Das Ge­fühl Einsamkeit lebt in jedem von uns in unterschiedlicher Ausprägung. Vielleicht kennst auch du das Gefühl Einsamkeit? Sie ist das ungute negative Gefühl, wenn man alleine ist und damit ist sie ein schambehaftetes Thema – manchmal hat sie auch etwas Peinliches. Alleinsein hingegen bedeutet, faktisch in keiner sozialen Beziehung zu stehen. Sowohl räumlich, als auch ohne das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Viele Menschen nutzen das Alleinsein als Kraftquelle, sie schätzen die Momente des Für-sich-Seins. 

Ganz im Gegenteil zur Einsamkeit, von der Psychologen sagen: „Sie ist eine Ge­fängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt.“ Jeder kleine Schritt, der unternom­men wird um der Einsamkeit entgegenzu­treten, kann Stück für Stück von Ängsten und Unsicherheiten befreien. Wir dürfen nicht alles glauben, was wir den­ken. Wir können selbst bestimmen und ändern, wie und was wir denken. Po­sitives Denken allein reicht hier nicht aus. 

Wir können selbst bestimmen und ändern, wie und was wir denken

Michaela Peschmann, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Traumatherapeutin, Stressmanagement. www.michaela-peschmann.de

Es geht vielmehr darum, realistisch und zuversichtlich zu sein, optimistisch zu bleiben und zu akzeptieren, wie du dich aktuell fühlst. Gefühle sind grundsätzlich neutral, erst deine Interpretation machen sie zu positiven beziehungsweise negativen Emotionen. Soziale Medien können ein negativer Verstärker sein, weil sie ein verfälschtes Bild der Realität abbilden. Betrachte die So­zialen Medien als verlängerten Arm des realen Lebens und nicht als abgekoppelte Parallelwelt. Die Auswirkungen der Einsamkeit hat viele Gesichter: mangelndes Selbstwertgefühl, Arbeitsprobleme, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, soziale Phobien, Ängste, Depressivität, Probleme im sozialen Miteinander oder Suizidgedanken machen Studenten das Le­ben öfter zur Hölle als anderen Teilen der Bevölkerung.

Zwei Grundformen der Einsamkeit unterscheidet die Psychologie. Ein „emotional einsamer“ Mensch kann selbst einer ge­liebten Person nicht mehr nah sein. Nicht die reale soziale Isolation zählt, sondern das subjektive Gefühl, dass vertraute innige Beziehungen fehlen. „Soziale Einsamkeit“ nennt man das schmerzliche Gefühl, nicht dazu zu ge­hören. So als stünde man hinter einer unsichtbaren Wand. Anflüge von Einsamkeit kennt jeder: Sich von an­deren schmerzhaft getrennt zu fühlen, ge­hört zur evolutionären Grundausstattung.

Es sind grundsätzlich zwei Haltungen in sozialen Situationen zu beobachten. Erstens: eine Chance mit Hoffnung auf Erfolg, neue Kontakte zu knüpfen. Zweitens: die Angst vor Miss­-erfolg beziehungsweise Zurückweisung. Das Problem der zweiten Haltung ist, dass man diese unbewusst vermittelt und damit auf andere als nicht so attraktiv wirkt: Im ersten Semester bilden sich Freundschaften und Cliquen. Wer als Student eher schüchtern ist und sich entsprechend verhält, verpasst nicht selten den Anschluss. Gerade in der aktuellen Corona-Pandemie ist man noch mehr auf sich gestellt und muss mehr schriftliche Arbeiten abgeben. Also wieder stundenlang alleine vor dem Laptop sitzen – diese Art der Beschäftigung und Nutzung der Kommunikationsmittel ersetzt nicht die sozialen Verbindungen.

Chronischer Stress wegen Isolation stört auch die essenzielle Schlafhygiene

Die Corona-Pandemie kann als großes Lebensereignis betrachtet werden, das uns alle betrifft und das einem von außen auferlegt wird. Soziale Kontakte zu vermeiden ist etwas, was uns als sozialen Wesen nicht wirklich liegt. Einsamkeit macht dauerhaft körperlich und seelisch krank. Man kann es sich als eine Art Dauerschmerz vorstellen; sozial isoliert zu sein, senkt die Lebenserwartung. Dauerhaft Einsame leiden häufiger unter Erschöpfungszuständen, Kopfschmerzen, psychosomatischen Beschwerden, Kreislaufstörungen oder hohem Blutdruck. Das Risiko für Angststörungen und Depression steigt. Die aktuelle Corona-Pandemie kann auch für das Immunsystem ein Problem werden. Denn viele, auch junge und gesunde Menschen, leiden unter dem chronischen Stress der Isolation und Ausgangsbeschränkungen, sodass die Schlafqualität gestört ist und eine nicht so gute Schlafhygiene vorherrscht.

Auch minimale körperliche Nähe wirkt sich auf das Gefühl Einsamkeit aus. Berührungen erhöhen nachweislich den Serotoninspiegel, in Quarantäne sind sie jedoch untersagt. Wie können wir das kompensieren? Eine Möglichkeit zur Selbstregulierung ist, dir selbst ein Lächeln zu schenken. Dabei werden Signale ans Gehirn gesendet, die ein ähnliches Glücksgefühl erzeugen. Auch der Kontakt zu lebenden Organismen, wie zum Beispiel das Berühren von Pflanzen oder Gärtnern ohne Handschuhe lässt den Serotoninspiegel nachweislich in die Höhe schnellen.

Die Ausgangsbeschränkungen treffen auch Studenten: In der Art, wie aktuell die Vorlesungen abgehalten werden und in der die sozialen Distanz zu Kommilitonen. Was genau kann gegen das Gefühl der Einsamkeit unternommen werden? Reicht hier der gut gemeinte Rat, sich in einem Sportverein anzumelden? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, da das Thema sehr komplex ist und die unterschiedlichen Gründe tief verwurzelt liegen. Die Verbindung zu Menschen ist ein Lebensthema schlechthin. Chronische Einsamkeit ist ein sehr existenzielles Gefühl und individuell erlebter Prozess, wo pauschale Ratschläge fehl am Platz sind. Vielleicht hilft dir persönlich aber einer dieser Tipps weiter:

  • Virtuelle WG’s beziehungsweise Lerngruppen gründen
  • Virtuelle Koch-/Dinnerpartys (jeder bringt etwas aus seiner Stadt/Land mit, Rezepte-Austausch, gemeinsam virtuell kochen beziehungsweise essen)
  • Kommunikation ändern: mehr telefonieren oder Video-Calls nutzen, statt über WhatsApp oder soziale Medien zu chatten (Persönlichkeit schafft Verbindlichkeit). Soziale Kontakte und Unterstützung sind für den Umgang mit Einsamkeit von großer Bedeutung. Pflege die Verbindungen zu Familie und Freunden.
  • Geregelte Tagesstruktur: Eine zeitliche und räumliche Struktur kann jetzt helfen. Dazu gehören feste Lernzeiten, Pausen und Es­senszeiten. Wir brauchen Kontrolle über unseren Tag. Es kann zwar sein, dass der individuelle Lernrhythmus zuhause etwas angepasst wird. Trotzdem ist es wichtig, für sich festzulegen, in welchen Zeiträumen man lernt und wann die Lernzeit beendet ist.
  • Auch jetzt ist es möglich, sich in einem gewissen Maße sozial zu engagieren, zum Beispiel älteren Nachbarn bei kleineren Alltagserledigungen wie Einkäufen behilflich sein.
  • In Zeiten von Corona gibt es viele gute Gründe, sich zu bewegen und dem Körper etwas Gutes tun. Mit ein bisschen Kreativität, neuen Bewegungsformen und den zu dir passenden Tipps schaffst du es, auch in der Isolation fit zu bleiben.
  • Alles, was einander näher bringt (unter Beachtung der aktuellen Abstandsregelungen), hilft, wie zum Beispiel einander helfen, musizieren, singen, tanzen, Zeit in der Natur verbringen.

Die ersten Lockerungen sind in Sicht und werden zum Teil bereits umgesetzt. Wir Menschen sind bekanntlich Gewohnheitstiere und kommen mit Veränderungen nach einer Zeit gut klar. Wir freuen uns derzeit mehr, dass wir vereinzelt auch wieder Besuche machen können. Aber was tun, wenn es bei einer potenziellen zweiten Welle wieder zurück in die Isolation geht? Gerade die aktuelle Lage und Phase, in der alle vor der gleichen Herausforderung stehen, sich zu solidarisieren, zusammenzuhalten und nach kreativen Lösungen zu suchen, schweißt möglicherweise die Menschen mehr zusammen. Die Krise kann dazu beitragen, dass sich diejenigen besser verstanden fühlen, die schon vorher einsam waren. Denn jetzt erleben auch andere Menschen die soziale Isolation. Vielleicht ergibt sich dadurch in Zukunft ein Austausch, von dem beide Seiten profitieren können. Es ist die einmalige ge­sellschaftliche Chance, den Gemeinschaftssinn zu stärken.

Trotz allem gilt: Wenn deine Einsamkeit ein länger anhaltendes und belastendes Gefühl ist, rate ich es absolut an, dir Hilfe zu holen!


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