Jobs & Herausforderungen im Cyberraum, Teil 2

Im ersten Beitrag mit Dr. Rüdiger von der Polizeihochschule stellte er die junge Wissenschaft Cyberkriminologie und deren aktuelle Herausforderungen vor, insbesondere juristische sowie geografische Limitationen. In Teil 2 führt er die Betrachtungen weiter im Detail aus und beleuchtet neben den Delikten auch die Strafverfolgung(swahrscheinlichkeit) durch öffentliche Cyber-Arbeitgeber. 

Dr. Rüdiger, wie kann man Straftaten im Cyberraum kategorisieren?
Zunächst bin ich persönlich kein Freund des Begriffs „Cybercrime”, da dieser im Grunde alle digitalen Delikte erfassen soll. Es gibt jedoch auf der anderen Seite keinen entsprechenden Begriff für alle Delikte, die im physischen Raum begangen werden. Ich spreche daher lieber von digitalen Sexualdelikten, Vermögensdelikten et cetera. Die Opferperspektive ist dabei eine sinnvolle Betrachtungsweise, um digitale Delikte zu kategorisieren, da sie diese Problematik umgeht. Neben wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und seelisch-persönlichen Schäden, müssten hier zusätzlich physische Schäden mit aufgelistet werden, da selbst Tötungshandlungen über das Netz denkbar sind. Gegebenenfalls könnten noch die Demokratie, beziehungsweise der gesellschaftliche Zusammenhalt mit erfasst werden.

Welche Rolle spielen Deepfakes in der Cyberkriminologie?
Deepfakes haben aus meiner Sicht das Potenzial, unser ganzes Verständnis davon, wie wir Informationen sowie mutmaßliche Personen im Netz wahrnehmen, zu verändern. Zumindest dann, wenn es Privatanwendern leicht möglich ist, über Apps oder Ähnliches hochwertige Deepfakes zu erstellen. 

Öffentliche Cyber-Arbeitgeber

Wenn Täter ermittelt werden und die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt, ist der in der Regel in Frage kommende Strafrahmen im Bereich Cybercrime Ihrer Ansicht nach angemessen?
Aus meiner Sicht ist der Strafrahmen in den meisten Fällen vollkommen ausreichend. Darauf kommt es auch nur in Ansätzen an. Die Kriminologie geht schon seit längerem davon aus, dass eher die Strafverfolgungswahrscheinlichkeit – also wie wahrscheinlich es ist, erwischt und überführt zu werden – einen Einfluss auf die Tatbegehung hat, nicht die eigentliche Androhung von Strafe. Selbst ein geringer Strafrahmen würde in einigen Fällen vermutlich reichen, wenn die Wahrscheinlichkeit zu fast 100 Prozent gegeben wäre, für die Tat auch überführt zu werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das strafbare, unerwünschte Zusenden pornografischer Medien – sogenannter „Dickpics“. Ein absolutes Massenphänomen. Nach einer Dunkelfeldstudie des Landes Mecklenburg-Vorpommern liegt die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige bei etwa 1 zu 400. Zum Vergleich: Ein Ladendiebstahl hat eine Quote von etwa 1 zu 2 bis 1 zu 5. Auch die härteste Strafe wird kaum einen Einfluss haben, wenn der Täter das Gefühl hat, dass er gar nicht erwischt werden kann. Dies ist eines der grundlegenden Probleme im Netz und erfordert neue Strategien und Ansätze.     

Was können schärfere Gesetze bewirken, wenn es bis dato kaum international koordinierte Strafverfolgung gibt und Akteure sowie Server sich außerhalb jeden Zugriffs befinden?
Die Anpassung eines Strafrahmens bringt meist nur wenig, tatsächlich sollte, wie gesagt, eher versucht werden, die Wahrscheinlichkeit einer Strafverfolgung zu erhöhen. Hier ist für mich klar: Ein globaler, digitaler Raum braucht eine Art globales einheitliches Strafrecht und eine Art globale digitale Polizei, um ersteres auch durchzusetzen. Das ist gegenwärtig noch eine vollkommen unrealistische Utopie, was jedoch nicht dazu führen darf, dass auf nationaler Ebene nichts passiert. Denn auch nationale Maßnahmen können durch internationale polizeiliche Kooperationen Auswirkungen haben. Das ist aber eine sehr komplexe, zeitintensive und arbeitsaufwendige Lösung und sie baut außerdem darauf auf, dass mit allen beteiligten Ländern eine solche Kooperation möglich ist.

Liegt der geringe Strafverfolgungsdruck an fehlenden personellen Ressourcen?
Ich glaube nicht, dass es sich dabei um eine reine Personalfrage bei den Sicherheitsbehörden handelt. Vielmehr liegt der Schlüssel in einer Ressourcenverlagerung. So verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) seit etwa vier Jahren einen massiven Rückgang der Delikte im polizeilichen Hellfeld um knapp 14 Prozent. Das sind fast 1 Million Delikte weniger als zuvor bei einer gleichzeitig ansteigenden Bevölkerungszahl. Das heißt jedoch nicht zwingend, dass die Kriminalität an sich zurückgeht. Mein Erklärungsansatz ist vielmehr, dass im klassischen physischen Raum fortlaufend weniger Straftaten begangen werden, die Menschen aber immer mehr ihrer Zeit im Netz verbringen, wo das Vertrauen in die Institutionen der Strafverfolgung gering ist. Gleichzeitig wird Kriminalität – man denke nur an tägliche Phishing-Emails – als absolute Normalität wahrgenommen. Ich spreche hier gerne von einer digitalen Kriminalitätstransparenz. Dies hat dazu geführt, dass kaum digitale Delikte angezeigt werden, was die Fallzahlen der PKS aus meiner Sicht niedrig hält. Hier müssten theoretisch – bei einem 14-prozentigen Rückgang der Fallzahlen – Personalressourcen freigeworden sein, die man nun ins Netz verlagern könnte, um beispielsweise gegen Cybergrooming vorzugehen. Dies passiert jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht.

„Präventivwirkung des Nichtwissens“ wird durchbrochen

Welche sind das?
Der Soziologe Popitz hat einmal das Konzept der „Präventivwirkung des Nichtwissens“ formuliert. Er wollte damit ausdrücken, dass jeder Rechtsstaat an seinen Grenzen stoßen würde, wenn jedes begangene Delikt für alle anderen Menschen sichtbar wäre. Denn damit würde jeder sehen, wie wenig Normenbrüche faktisch eine Strafverfolgung nach sich ziehen, was wiederum die Akzeptanz der Normen als solche senken würde. Es liege also im Interesse einer Gesellschaft, dass das Dunkelfeld nicht völlig aufgehellt wird. Im Netz passiert jedoch genau dies: Die „Präventivwirkung des Nichtwissens“ wird durchbrochen, was aus meiner Sicht zu dieser Tendenz der Enthemmung im Internet beigetragen hat.

Dies führt zu der paradoxen Situation, dass eine Verschiebung der Ressourcen der Sicherheitsbehörden mit steigenden Fallzahlen der Kriminalstatistiken einhergehen würde, denn damit würde das Dunkelfeld aufgehellt werden. Das wäre meiner Meinung nach der wichtigste Schritt, um der Enthemmung im Netz zu begegnen, auch wenn es die Innenpolitik zunächst erschüttern würde.

Denken Sie, dass es langfristig eine Alternative dazu gibt, das Web stärker zu entanonymisieren?
Wobei ich mir ziemlich sicher bin, ist die Tatsache, dass es da, wo Kinder unterwegs sind vermutlich immer irgendeine Form von Altersverifikation geben wird. Jüngst haben Instagram und TikTok bereits Entsprechendes verkündet. Wenn es eine Art generelle Klarnamenpflicht gäbe, wäre ich aber skeptisch, ob das per se die Situation regulieren würde. Eine interessante Studie von Rost, Stahel und Frey deutet zum Beispiel daraufhin, dass mit Klarnamen sogar mehr Hassnachrichten geschrieben werden könnten als ohne. Ein Argument hierbei wäre, dass diejenigen durch ihren Namen eine Art Zuspruch aus ihrer Filterblase sichern wollen. Auch hier gilt: Wenn damit nicht eine höhere Strafverfolgungswahrscheinlichkeit einhergeht, wird es keinen Effekt haben.

Ein kleines Fallbeispiel: Wir haben Auto-Kennzeichen, um im Falle einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit einen Ansprechpartner zu haben. Wenn es aber keine Polizei in Form von Streifenwagen auf der Straße gäbe und auch sonst niemanden, der das zur Anzeige bringen würde, was würden dann die Kennzeichen bringen? Es kann sich jeder selbst fragen, ob das Kennzeichen dazu führt, dass man nicht hin und wieder in einer 50iger Zone 55 km/h fährt. Hier wägt auch jeder ab: Wie hoch ist das Risiko für mich bei einem Normenbruch erwischt zu werden? Zusätzlich orientiert man sich am Verhalten der Anderen.

Die nächste Frage wäre, was soll so eine Pflicht bringen, wenn sie nicht global umgesetzt wird und auch Themen wie VPN mit erfasst? Ich will nicht ausschließen, dass so eine Art Identifizierbarkeit vor allem in den Sozialen Medien kommen wird, ich möchte aber zum Ausdruck bringen, dass das nicht die alleinige Lösung sein wird.  

Herausforderungen für öffentliche Cyber-Arbeitgeber

Das Web ist eine noch recht junge mediale Plattform und Technologie. Man kann also sagen, es ist noch nicht ausgewachsen. Was denken Sie, wie wird man in zwanzig Jahren auf das heutige Internet zurückblicken? 
In der Vergangenheit habe ich gehofft, dass man das Netz in der Zukunft als ein Medium betrachten würde, das im besten Fall der Vorreiter einer Art globalen Gesellschaft mit gleichem Recht gewesen ist. Ich bin auch immer noch überzeugt davon, dass dies eine Entwicklungsmöglichkeit sein kann, da immer offensichtlicher wird, dass wir mit nationalen Lösungen einen globalen digitalen Raum ohne physische Grenzen nicht regulieren können.

Vor kurzem war ich zu einer Podiumsdebatte bei Microsoft eingeladen, der Titel war „World Wild West“. Eine gute Analogie, denn auch im wilden Westen war zunächst von einem Rechtsstaat nichts zu sehen. Man hat dann aber doch eingesehen, dass ein gemeinsamer regulierender Rahmen vonnöten war, da die Struktur in dieser Form nicht geeignet war, Gewalt und Übergriffe zu kontrollieren. Ich glaube, wir befinden uns gegenwärtig in einer vergleichbaren Situation. Wir haben auf der einen Seite ein erlebtes, weitestgehendes Gefühl der Strafverfolgungsfreiheit und dadurch ausgelöste Enthemmungen im Netz. Das überträgt sich in der Folge mittlerweile auch auf physische Delikte.

Auf der anderen Seite existiert der Wunsch einer Regulierung und einer Begegnung dieser Strukturen. Nun stellt sich die Frage, wer diese Strukturen in den nächsten Jahrzehnten stellen wird. Jedes Land für sich? Eine Art digitale globale Gesellschaft? Oder eher privatwirtschaftliche Unternehmen? Bereits jetzt ähneln große Soziale Medien mehr einer Art digitalem Staat als die klassischen Länderstrukturen. Ich glaube, dass eine Regulierung stattfinden wird, auch mit einer Art globalen digitalen Polizei und einer Art von globalem Mindestmaß an gemeinsamem Strafrecht. Wer das genau übernehmen wird, wage ich nicht vorherzusagen.


Bekämpfung von Cybercrime, Dr. Rüdiger, Hochschule der Polizei Berlin, öffentliche Cyber-ArbeitgeberDr. iur Thomas-Gabriel Rüdiger ist studierter Kriminologe und forscht an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Cyberkriminologie, digitalen Risiken und digitaler Polizeiarbeit. Seine Dissertation hat zum Themengebiet „Cybergrooming” vorgelegt. 
Den zugehörigen Instagram-Account findest du hier.

Share.