„Der Status Quo muss sich radikal ändern“

Anja Schuman war selbst jahrelang eine von wenigen Frauen auf IT-Konferenzen – und beschloss kurzerhand, aktiver mitzumischen: Sie gründete moinworld e.V., einen Verein, der nicht nur junge Mädchen auf den IT-Geschmack bringen soll, sondern auch eine nützliche Anlaufstelle für alle Nicht-Informatikerinnen mit Berufserfahrung bietet.

Frau Schuman, kürzlich hat moinworld e.V. den „ITEC Cares Award 2019“ erhalten – herzlichen Glückwunsch! Zu Ihren Bemühungen gehört es, Frauen für die Tech-Welt zu begeistern. Inwiefern sind Sie hier aktiv?
Wir sind ein Non-Profit, welches sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der weiblichen Software-Entwickler und -Manager im IT-Bereich auf 50 Prozent zu erhöhen. Wir möchten, dass Frauen und Mädchen die gleichen Möglichkeiten haben, unsere digitale Zukunft mitzugestalten wie Männer. Unser Angebot richtet sich sowohl an Tech-interessierte Frauen mit Meet-ups, Konferenzen und Programmierkursen als auch an Schülerinnen beziehungsweise Mädchen im Vorschulalter. So haben wir beispielsweise 2018 unser Projekt moinschool gestartet, bei dem wir Schülerinnen einen Einblick in die Programmierung geben. Wir wollen Mädchen die Angst vor Technik nehmen und eine “Ich-kann-das-nicht”-Einstellung gar nicht erst aufkommen lassen. Dieses Jahr bieten wir zusätzlich Programmierkurse für Mädchen zwischen 5 und 10 Jahren an. Um die Gesamtsituation zu ändern, ist es wichtig, schon bei den jungen Mädchen anzufangen. Diese können in unserer Community auch erfahrene Entwicklerinnen als Role Models und Tech Unternehmen „von Innen“ kennen lernen. 

Wissen Sie schon, wie Sie das Preisgeld investieren werden?
moinworld lebt zum Großteil davon, dass sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Der Verein finanziert sich momentan über die uns unterstützenden Unternehmen. Möglicherweise wird sich auch die Stadt Hamburg bald daran beteiligen, unsere Aktivitäten voran zu treiben. Ich würde gerne einen Teil des unerwarteten Geldes dafür investieren, unseren Helfern zu danken. Ein anderer Teil fließt in die Finanzierung des nächsten Semesters moinschool.

Vorträge und Konferenzen abzuhalten, ist eine Sache und bezieht sich auf die Unterrepräsentanz von Frauen in der IT. Was versprechen Sie sich von einem stärkeren Netzwerk von Frauen in der IT? Und wie darf man sich das Netzwerk vorstellen?
Unsere Meet-ups oder Konferenzen sind gute Orte, um andere Frauen mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen, Wissen auszutauschen und sich weiter zu bilden – wobei unsere Events meistens nicht nur ausschließlich für Frauen organisiert sind. Wir veranstalten Events mit technischem Inhalt, bei denen man sich auf das Thema konzentrieren kann. Ohne, dass sich eines der Geschlechter als Minderheit fühlen muss und die offen sind für Anfänger, die sich dem Thema nähern wollen. Wobei ich zugeben muss, dass Männer auf den meisten unserer Meetups momentan in der Minderheit sind. Das ist auch ok, solange die Situation für Frauen in technischen Berufen so ist wie sie ist. 

Wie weit reichen die Programmierkenntnisse, die in den Kursen von moinworld vermittelt werden?
Momentan vermitteln unsere Kurse einen Einstieg und das Grundlagenwissen. Gerade beim Entwickeln von Software lernt man am besten anhand von Projekten und Fehlern. Von daher ist die Community auch so wichtig. Eigeninitiative und die Bereitschaft, ständig dazu zu lernen, ist sowieso Voraussetzung für den Job. Der Beruf wird mit Sicherheit nie langweilig, weil sich dauernd Dinge verändern und es neue Möglichkeiten gibt, Probleme zu lösen. Es ist daher wichtig, dass man selber lernt, wie man an die richtigen Informationen kommt, die einem helfen, die Aufgabe zu lösen. Den Einstieg und Gleichgesinnte „stellen“ wir. Eigeninitiative und Durchhaltevermögen muss man selber mitbringen.

Zu unseren Kursen kommen darüber hinaus aber auch oft Frauen, die an der Schnittstelle zu IT tätig sind – als Manager, als Designerinnen, als Product Owner et cetera. Es hilft diesen Damen auch oft in ihrem Bereich weiter, wenn sie verstehen, wie Software entwickelt wird und wie sie besser mit EntwicklerInnen kommunizieren können. Gerade im Zuge der Digitalisierung sollte sowieso jeder ein grundlegendes Verständnis von Software-Entwicklung haben.

Ihr Verein ist Teil der „Google Women Techmaker Community“. Was machen die Women Techmaker in Hamburg und inwiefern ist moinworld hier aktiv?
Women Techmakers ist Google’s globale Diversity Initiative für die Google Developer Groups. Mit diesem Programm unterstützt Google Personen aus dem IT-Bereich darin, Communities aufzubauen und Wissen zu teilen. moinworld ist aus dem Women Techmakers Meetup Hamburg entstanden. Mit der Gründung des Vereins hat sich für das Meet-up nichts geändert, außer, dass jetzt moinworld dahinter steht. Die Meet-ups sind weiterhin ein wichtiger Bestandteil unserer Aktivitäten.

Worin besteht Ihre persönliche Motivation für das Thema?
Ich selbst war jahrelang auf IT-Events eine der wenigen Frauen. Da ich mein Know-how für meinen Job aktuell halten wollte und musste, auf den am Markt vorhandenen Veranstaltungen aber nicht die richtige Lernatmosphäre vorfand, beschloss ich, meine eigene Welt zu „bauen“. Außerdem finde ich, dass die Gesamtsituation nicht in ein modernes Land passt und sich daher etwas ändern muss. Männer beschäftigen sich mit spannenden Zukunftstechnologien und Frauen sind nicht präsent genug. „Damals“ hatte ich in Israel erlebt, dass es dort mit SheCodes eine tolle Initiative gibt, die Frauen einen Einstieg in die IT ermöglicht. Women Techmakers habe ich dann in Berlin zusätzlich kennen gelernt und daraufhin mit Googles Unterstützung die Community in Hamburg aufgebaut.

Gibt es Tipps, die Sie angehenden Entwicklerinnen mit auf den Weg geben wollen? 
Auf jeden Fall: Gleichgesinnte suchen, zusammen macht alles viel mehr Spaß. Nicht aufgeben. Frustrationsmomente gehören in dem Job dazu und es ist häufig eher der Normalfall, dass etwas nicht so funktioniert, wie es soll und man der Sherlock Holmes ist, der die Lösung finden muss. Umso schöner ist dann das Erfolgserlebnis. Sich nicht mit anderen vergleichen. Man weiß nie, welche Vorkenntnisse andere mitbringen, auf die man vielleicht (noch) nicht aufbauen kann. Nicht alles von Anfang an verstehen wollen, häufig stellt sich erst später der Aha-Effekt ein.

moinworld bietet bereits Kurse und Programme in Hamburg und München an. Ist eine Erweiterung der Standorte geplant?
Das kommt immer darauf an, woher wir Unterstützung bekommen. In München hilft uns Siemens sehr, die Community am Leben zu halten. Natürlich wäre es schön, wenn wir bald in noch mehr Städten präsent sind und die große Community einmal im Jahr im Rahmen einer Konferenz zusammen bringen können.


Anja Schumann studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkten Logistik und Wirtschaftsinformatik in Marburg. Danach war sie sechs Jahre lang in der Rolle der Projektleiterin von Supply Chain und E-Commerce Projekten für Tchibo und Tchibo Logistik tätig, im Anschluss leitete sie drei Jahre lang das Business Development im Direct Sales Bereich von Medion. In ihrer Zeit als freie Beraterin für ein Digitalisierungsprojekt der deutschen Bahn baute sie die Women Techmakers Community in Hamburg auf.

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