
Unfallanalytikerin – ein Beruf, der alles ist außer gewöhnlich
Cornelia Uken hat Maschinenbau studiert – und arbeitet heute auf Unfallstellen, um für Gerichte zu rekonstruieren, was wirklich passiert ist. Als Unfallanalytikerin bei DEKRA verbindet sie technische Expertise mit besonderer Verantwortung, in einem Feld, das bis heute überwiegend in Männerhand ist. Im Interview erzählt sie, wie sie zu ihrer Berufung fand – und warum sie den Job gegen nichts tauschen würde.
Cornelia, Unfallanalytikerin – das klingt nach einem Job, den kaum jemand auf dem Radar hat, wenn er ans Studium denkt. Wie bist Du zu diesem Beruf gekommen?
Den Beruf kannte ich durch meinen Vater, der als Prüfingenieur arbeitete. Nach dem Abi habe ich Maschinenbau in Braunschweig studiert, ein Praktikum in der Analytik‑Fachabteilung der DEKRA in Stuttgart absolviert und dort meine Diplomarbeit in Kooperation mit einem Crashtest‑Center geschrieben. Ein reiner Bürojob war aber nichts für mich – also habe ich mich auf eine Stelle in der Unfallanalytik in Kiel beworben. Heute sind wir dort eine kleine Mannschaft von fünf Analytikerinnen und Analytikern.
Wie sieht Dein Arbeitsalltag konkret aus?
Meistens startet unser Auftrag mit einem schweren Verkehrsunfall: Wir werden zur Unfallörtlichkeit gerufen, sichern Spuren, dokumentieren und untersuchen die Fahrzeuge – auf technische Mängel, digitale Spuren, Beschädigungsbilder. Bei Unfällen mit vulnerablen Personengruppen arbeiten wir auch mit Rechtsmedizinern zusammen. Dann geht es zurück an den Schreibtisch: auswerten, rechnen, beurteilen. Unser Ergebnis ist ein technischer Ablauf – wir können feststellen, ob ein Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn geraten ist, und ob ein Defekt vorlag, nicht aber warum der Fahrer dort war. Das ist in der juristischen Aufarbeitung ein wichtiger Unterschied.
Welche Aspekte Deiner Arbeit fordern Dich?
Häufig werde ich gefragt, wie ich mit den belastenden Erlebnissen umgehe. Jeder Verkehrsunfall, zu dem wir gerufen werden, ist auf seine Art tragisch. Und doch unterscheidet sich unsere Arbeit von der der Rettungskräfte: Wenn wir eintreffen, sind meist rund zwei Stunden vergangen – alle Verletzten versorgt, die Polizei fertig, der Bereitschaftsstaatsanwalt hat grünes Licht gegeben. Ich beschreibe die Unfallstelle, zu der wir dann kommen, gerne als ruhig. Keine Verletzten, keine Zeugen – nur Spuren, Fahrzeuge, Beschädigungen. Manche Spuren sind flüchtig (Wischwasser, das verdunstet), andere kaum sichtbar (Schuhabrieb bei einem Fußgängerunfall). Das braucht Ausdauer und Konzentration. Gleichzeitig gilt es, die wartenden Einsatzkräfte einzubeziehen und deren Arbeit zu respektieren.
Vielleicht werde ich da auch zu sehr von überholten Vorurteilen geleitet, aber ist die Unfallanalytik nicht eher männlich dominiert?
Ein klares Ja – die Unfallanalytik ist absolut männlich dominiert. Aus dem Studium bin ich das gewohnt – von 450 Studierenden waren weniger als zehn Frauen. Gestört hat mich das nie, und ich hatte auch nie das Gefühl, gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen. Die Unfallanalytik lebt von Erfahrung: Je länger man dabei ist, desto gezielter bearbeitet man Fälle – und desto besser kann man auch reden. Mit 30 Jahren Berufserfahrung im Nacken muss man nicht lange überlegen, wer in der Beweislast steht. Daher ist meine Erfahrung eher, dass man sich gegenüber den älteren Kollegen „beweisen“ muss und nicht, dass ich mich als Frau rechtfertigen muss.
DEKRA steht für Sicherheit, Expertise und Innovation. In diesen Bereichen ist es elementar, technologisch immer „state of the art“ zu sein. Wie wird das sichergestellt?
Weiterbildung ist in unserem Bereich elementar. Die Fachabteilung versorgt uns regelmäßig mit Neuerungen – aber genauso wichtig ist das persönliche Interesse. Wenn ich einen Datensatz aus einem Steuergerät auslese, mit dem ich nichts anfangen kann, muss der Antrieb, sich da reinzufuchsen, aus mir selbst kommen.
Durch die KI sind viele Berufsfelder einem Wandel unterlegen. Wie wirkt sich dies auf Deinen Beruf aus?
KI hat auch in der Unfallanalytik Einzug gehalten – etwa bei der Berechnung der Beschädigungsenergie: Frühere Crashversuche werden durch KI-Tools ergänzt, die aus Beschädigungsbildern einen EES-Wert (Energy-Equivalent-Speed) ableiten, wobei die Bildqualität entscheidend bleibt. Die Plausibilitätsprüfung bleibt unser Job. Auch Fahrzeug- und Infrastrukturdaten verändern unsere Arbeit. Kurz: Wir sind einem ständigen technischen Wandel ausgesetzt – und das wird so bleiben.
Für mich war es die Möglichkeit, in jeder Lebensphase das einzusetzen, was ich hatte: Berufseinstieg mit voller Kraft, Anpassung während der Elternzeit, Wiedereinstieg im eigenem Tempo – alles ohne Probleme
Cornelia, Du hast Dich für DEKRA entschieden – und bist geblieben. Was würdest Du jemandem sagen, der sich fragt, ob das Unternehmen zu ihm passt?
Als Berufseinsteigerin konnte ich voll durchstarten: viel Eigenverantwortung, flexible Arbeitstage, Bereitschaftsdienst am Wochenende. Irgendwann kam meine erste Tochter – und der Fokus veränderte sich. Ich hatte große Freude an der Carearbeit – und kehrte dennoch nach einem Jahr zurück, merkte aber, dass es noch nicht passte. Als mein Sohn und später mein drittes Kind kamen, entschied ich, in Elternzeit zu bleiben.
Der Kontakt zur Niederlassung riss nie ab: Jubiläumsglückwünsche, Weihnachtsfeiern, gelegentliche Fachfragen. Die Analytikerarbeit habe ich immer als familienfreundlich empfunden – doch im konkreten Fall schien ein Wiedereinstieg unvorstellbar. Dann meldete sich mein Kollege, der seit sechs Jahren meine Vertretung machte, und bat mich zum Gespräch. Es folgte ein offener Austausch mit Kollege, Abteilungsleiter und Niederlassungsleiter: Sie brauchten mich wieder. Ich konnte meine Befürchtungen offen ansprechen – wie drei kleine Kinder und Beruf in Einklang zu bringen sind, wie ich technische Neuerungen aufhole. Am Ende einigten wir uns gemeinsam auf einen Wiedereinstiegsplan. So bin ich nach und nach zurückgekehrt. Noch nicht voll in der Analytik – aber ich merke, wie das Privatleben mehr zulässt, und nutze das. Und: DEKRA unterstützt mich auch dabei!
Ein Bauchgefühl für naturwissenschaftliche Größen stärkt die Glaubwürdigkeit als Ingenieurin sowie Ingenieur. Also: so viel aufschnappen und abspeichern wie möglich – irgendwann braucht man es wieder
Was macht den Spirit von DEKRA aus?
Für mich war es die Möglichkeit, in jeder Lebensphase das einzusetzen, was ich hatte. Berufseinstieg mit voller Kraft, Anpassung während der Elternzeit, Wiedereinstieg im eigenem Tempo – alles ohne Probleme. Das Zusammenspiel aus Arbeitgeber, Berufsbild und Kommunikationskultur war eine grandiose Fügung. Pläne sind schön, aber nichts ist in Stein gemeißelt – und DEKRA agiert, trotz seiner weltweiten Größe, erstaunlich flexibel.
Was weißt du heute, was Du gerne früher im Studium gewusst hättest?
Ein Bauchgefühl für naturwissenschaftliche Größen stärkt die Glaubwürdigkeit als Ingenieurin sowie Ingenieur. Also: so viel aufschnappen und abspeichern wie möglich – irgendwann braucht man es wieder.
Die wichtigste überfachliche Kompetenz, die man spätestens im Studium entwickeln sollte, ist Arbeitswille. Ich gönne mir gern Pausen und Urlaub – aber wenn Arbeitszeit ist, dann will ich auch arbeiten. Mein ehemaliger Vorgesetzter sagte immer: „Ich will, dass wir uns in die Augen schauen können.“ Wie viel muss ich geben, damit es für beide Seiten fair ist? Der Arbeitsvertrag ist nur die Randbedingung. Der Antrieb und der Wille zu arbeiten, müssen aus mir herauskommen.
Über die Interviewpartnerin:

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