Audit 2.0 – Wirtschaftprüfung der Zukunft

An sich ist es keine neue Entwicklung: Die Digitalisierung wird auch die Wirtschaftsprüfung verändern. Dadurch wird der Beruf nicht eintöniger, sondern spannender. Gleichzeitig gibt es das Problem, dass zu wenige Kandidaten das Examen zum Wirtschaftsprüfer erfolgreich ablegen. Ein Plädoyer für die Branche und den Berufstand, der sich wandeln wird, von Jörg Hossenfelder, seines Zeichens Geschäftsführender Gesellschafter bei Lünendonk & Hossenfelder.

Der Beruf des Wirtschaftsprüfers, hauptsächlich von BWLern ausgeübt, genießt bei großen Teilen der Gesellschaft einen eher zwiespältigen Ruf. Der Berufstitel ist verknüpft mit repetitiven Aufgaben und Checklisten. Prüfer werden mitunter als reine Kontrolleure wahr­ge­nommen. Oftmals wird deren Arbeit auch als zwingend notwendige Bürde betrachtet. Die langen Arbeitstage – gerade in der Zeit der Prüfungsperiode – oder die Herausforderung beim Erreichen des Berufstitels werden betont und sprechen auf den ersten Blick nicht gerade für ein attraktives Berufsbild. Erst Recht nicht für Informatiker:innen, die sich ihren Arbeitgeber gut aussuchen können. Doch es gibt auch ein anderes, deutlich positiveres Bild: Kenner der Branche verbinden mit dem Berufsstand Eigenschaften wie abwechslungsreich, analytisch, attraktiv bezahlt und kommunikativ sowie krisensicher. Den Absolvent:innen bieten sich die unterschiedlichsten Aufgaben, Pflichten, Anforderungen und – mit besonderem Hinweis – auch vielfältige Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten.

Der Berufstand befindet sich aus vielerlei Gründen im Wandel. Dem stark wachsenden Wirtschaftsprüfungsmarkt stehen seit Jahren immer weniger Absolvent:innen zur Verfügung. Die Zahl der erfolgreichen Wirtschaftsprüfungs-Examina nimmt kontinuierlich ab. Darüber hinaus wirkt sich die digitale Transformation sowohl auf die Mandanten als auch auf die Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften (WP) aus. Sie ebnet beispielsweise auf Ebene der Kanzleien den Weg zu deutlich breiteren und tieferen Leis­­tungs­- portfolios. Der Prüfer der Zukunft versteht nicht nur die digitalen Geschäftsideen, sondern berät auch bei diesen, er kennt den Fachjargon der IT-Branche und wandelt bestehendes Wissen in die digitale Welt. Auf Mandantenseite hingegen werden aus Wertschöpfungsketten ganze Netzwerke. Dies führt zu einer immer engeren (digitalen) Verflechtung von Unternehmen und deren Lieferanten auf der einen Seite und Kunden auf der anderen. Dementsprechend arbeiten die WP-Gesellschaften mit erhöhter Priorität an der Vernetzung mit ihren Mandanten. Dies wirft jedoch auch Fragen hinsichtlich Investitionen, Compliance und Cyber Security auf.

Fakt ist: Die digitale Transformation schreitet auf dem WP-Markt rasant voran. Bereits im Jahr 2026 sollen mehr Prüfungsleistungen durch Maschinen erbracht werden als durch Menschen. Die WP-Gesellschaften in Deutschland beschäftigen sich daher deutlich ernsthafter mit der IT-gestützten Abschlussprüfung. Auf die Frage „Erwarten Sie ei­ne Änderung des Prüfungsansatzes hin zu einer IT-gestützten Vollprüfung?“ antworten immer mehr Studienteilnehmer zu­stim­­mend.

Analytics Tools, Audit Bots – die Rolle der IT wird prägender

Doch wie wirkt sich die digitale Transformation aus? Der Prüfer 2.0 soll bei seiner Arbeit durch den Einsatz modernster digitaler Hilfsmitteln entlastet wer­den. Bereits heute ermöglichen Künstliche Intelligenz (KI) und IT-Tools neue Formen der Prüfung. Einfache, sich wie­derholende Tätigkeiten werden durch Algorithmen über­nommen, die erst von der IT erstellt werden müssen – in enger Abstimmung mit den Prüfern und gesetzlichen Ansprüchen.

Große Datenmengen werden auf Hochleistungsrechnern verarbeitet und der Einsatz von Analytics Tools, Audit Bots sowie regelbasierten Algorithmen ge­statten eine Inspektion aller Geschäftsvorfälle (anstatt der bisherigen Stichproben). Voraussetzung hierfür ist jedoch ei­­ne redundanz- und widerspruchsfreie Da­­tengrundlage auf Mandantenseite. Vor allem die Gewinnung geeigneter und qualifizierter Mitarbeiter spielt eine zentrale Rolle bei einer erfolgreichen digitalen Transformation. Das zieht in den kom­menden Jahren ei­nen kompletten Wandel innerhalb der Mit­arbeiterstrukturen nach sich. Zunehmend sind nun – neben den klassischen Erfahrungen in der Prüfung und Beratung – auch Kenntnisse in Rechnungslegung und Informatik gefragt.

Der Markt kämpft schon seit Jahren mit einem Nachwuchsmangel bei den Wirtschaftsprüfern: Aktuell bestehen pro Jahr nur 300 bis 400 junge Wirtschaftsprüfer ihr Examen. Auf Dauer kann die Gesamtbranche, die aus 20.000 Prüfern und vereidigten Buchprüfern besteht, damit ge­genüber den Zukunfts­anforderungen nicht bestehen. Inzwischen werden die meisten Stellen in der Abschlussprüfung nicht mehr über Stellenausschreibungen gewonnen, sondern über frühzeitige Bindungsmaßnahmen während des Studiums – erst recht Informatiker:innen.

Auch die Zei­ten sind vorbei, in denen vor allem Absolvent:in­nen aus den wirtschaftswissenschaftlichen Bereichen in der Wirtschafts­prüfung Karriere machten. Bei den immer komplexeren und vielseitigeren Aufgaben sind auch Geistes- und Sozialwissen­schaft­­ler gefragtes Personal bei den WP-Gesellschaften, genauso wie Absolvent:innen der MINT-Studiengänge. Bereits heute verändert die steigende Fülle an Aufgaben nicht nur das Anforderungsprofil des Wirtschaftsprüfers, sondern auch den Zugang zum Beruf.

In­zwi­schen müssen Absolvent:innen keine Kenntnisse in der klassischen Wirtschaftsprüfung sammeln, sondern können direkt in der Beratung einsteigen. Grund hierfür ist der interdisziplinäre Ansatz, welcher etliche Anknüpfungspunkte zwischen den verschiedenen Sektoren ermöglicht. Angehende Wirtschaftsprüfer arbeiten sich so von Anfang an in die unterschiedlichen Bereiche ein und erhalten eine sehr breite praktische Ausbildung. Neben diesen Wandeln unterliegen die Anforderungen jedoch noch weiteren spannenden Veränderungen. So ist heute nicht nur der anerkannte Experte für Rechnungslegungs- und Bilanzierungsfragen begehrt, sondern in Ergänzung der Spezialist für Compliance, Go­vernance und Risikomanagement.

Die tiefe Fachkenntnis des Unternehmens, die Erfahrung und das Know-how machen ihn/sie neben dem Job als Prüfer auch zum qualifizierten Berater. Fakt ist: Der Beruf des Wirtschaftsprüfers wird gerade durch die fortschreitende Digitalisierung immer attraktiver. Dennoch wird die Branche mit Nach­wuchssorgen belastet. Dies überrascht. Denn die WP‑ Gesellschaften können sich nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Insgesamt ist der Markt in Deutschland auf ein Volumen von über 15 Milliarden Euro (Anstieg von 5,8 Prozent) angewachsen.

Die Prüfer übernehmen immer häufiger die Position eines betriebswirtschaftlichen Be­raters. Auch das macht die Arbeit in dieser Branche so vielfältig, abwechslungsreich und spannend zugleich. Die Arbeit des klassischen Wirtschaftsprüfers wird durch die Digitalisierung nicht überflüssig, sondern abwechslungsreicher. Er kann sich auf komplizierte Fragestellungen konzentrieren und erhält die Freiheit für wichtige Aufgaben zurück. Durch die Verbindung von Berufserfahrungen und Digital Natives ist außerdem eine Generation von Prüfern begehrt, die die Prüfungsqualität und Zukunftsfähigkeit des Berufsstandes sichert und Mandanten einen attraktiven Mehrwert bie­tet.

Für die ganze Wirtschaftsprüfungsbranche ist es wesentlich, dieses spannende Berufsbild in die Öffentlichkeit zu tragen. Nur so kann der Trend der rückläufigen Absolventenzahlen des WP-Examens gestoppt werden. Zwar werden Forderungen laut, dass die Ausbildung sowie die Prüfung modifiziert werden sollen – aber das greift zu kurz. Das neue Berufsbild des Wirtschaftsprüfers 2.0 muss insgesamt sichtbarer werden.

Den vollständigen Beitrag und die Quellenangeben findet ihr auf www.high-potential.com

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