
„Wir bringen GenAI direkt ins Fahrzeug“ – Wie die BMW Group mit AI das Engineering revolutioniert
Die Künstliche Intelligenz verändert, wie Fahrzeuge entwickelt werden. Besonders anschaulich wird dies, wenn man sich ansieht, wie die BMW Group die traditionelle Ingenieurskompetenz mit den Möglichkeiten der AI kombiniert. Dr. Dominique Komander aus dem GenAI-Bereich und Phillip Müller als Absolvent des ProMotion-Programmes erklären im Interview, wie sie KI in ihren Engineeringprozessen einsetzen und welche Chancen sich aus der neuen Technologie ergeben.
Dominique, wer bist Du, was genau verantwortest Du bei der BMW Group und welche Reise hat Dich schließlich zu Deinem Arbeitgeber geführt?
Dominique: Mein Name ist Dominique und ich bin Projektleiterin im Bereich Forschung und Vorentwicklung – wir entwickeln kamera-basierte GenAI Prototypen für unsere zukünftigen Fahrzeuge bei der BMW Group. Ich bin nach meiner Promotion in Informatik eher zufällig auf die BMW Group gestoßen, für den Job aus dem Rheinland ins schöne München gezogen und habe es seitdem keinen Tag bereut. (lacht)

Und mit welchen typischen Fragestellungen bist Du in der täglichen Arbeit beschäftigt?
Dominique: Bei der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit unserer Technologien stelle ich mir täglich die Frage: Sind wir noch auf dem richtigen Kurs? Welche Ansätze sollten wir neu bewerten, was müssen wir jetzt testen, und wo liegt aktuell das größte Potenzial? Gleichzeitig schaue ich auf die operative Ebene: Wie kann ich heute den größtmöglichen Impact erzielen? Was bewegt unser Team konkret – und wie unterstütze ich dabei am effektivsten? Unser Ziel ist klar: Aus der Perspektive des Kunden erlebbaren Mehrwert zu schaffen – intuitive, begeisternde Produkte. Dabei ist es mir wichtig, Raum für Eigeninitiative und neue Ideen zu lassen, auch wenn der Alltag gerade in der Vorentwicklung oft dynamisch und turbulent ist.
Phillip, Du warst Teil des ProMotion-Programmes der BMW Group mit einer Doktorarbeit im Bereich GenAI. Was hat Deine Leidenschaft für das Thema geweckt – und warum lebst Du sie gerade bei der BMW Group?
Phillip: Mich begeistert die Möglichkeit, aktuelle Ergebnisse aus der Forschung direkt in die Anwendung bringen zu können. Die Technologie entwickelt sich rasant und bietet laufend neue Möglichkeiten, jedoch ist die Anwendung für industrielle Problemstellungen eine große Herausforderung. Bei der BMW Group habe ich die Möglichkeit, zu untersuchen, wie die Technologie für echte Anwendungen nutzbar gemacht werden kann – und wo es noch zu lösende Problemstellungen gibt.

„Echte Anwendungen“ ist ein gutes Stichwort. Kann KI das Engineering in der Fahrzeugentwicklung wirklich revolutionieren?
Phillip: Ich denke schon. Das wird ein ungeheuer spannendes, jedoch gleichzeitig auch kein einfaches Unterfangen. Denn wir müssen die existierende Technologie – etwa die LLMs – so anpassen und erweitern, dass ein tiefgreifendes Ingenieurs- und BMW-Verständnis entsteht. Dies bedeutet, sowohl Know-How in der Anpassung der Modelle für unsere Bedarfe aufzubauen als auch deren Umgang mit unseren sensiblen Daten einzubeziehen. Wenn wir unsere Entwicklung wirklich „AI-driven“ machen wollen, müssen wir unsere Prozesse grundlegend neu und KI-basiert denken. Dies ist die beste Chance, uns im globalen Wettbewerb zu behaupten und unseren Kunden auch zukünftig das beste Produkt anzubieten.
Dominique, an diesem Punkt – dem besten Produkt – bist Du sehr nah dran, wenn es darum geht, was Fahrzeuginsassen im Auto konkret zugute kommt. Wo siehst Du die größten Chancen, mithilfe von GenAI Innovationen zu kreieren?
Dominique: Das größte Potenzial von GenAI liegt für mich im Übergang vom zunächst mal lediglich beeindruckendem Demo-Video hin zur echten, verlässlichen Alltagserfahrung im Fahrzeug. Denn vieles, was im Netz spektakulär aussieht, ist „Show“ – die echte Stärke zeigt sich erst, wenn Technologie im realen Fahrbetrieb robust, sicher und erlebbar ist. Genau hier setzen wir an: Wir bringen GenAI direkt ins Fahrzeug. Diese Praxisnähe ermöglicht Innovationen, die Insassen unmittelbar wahrnehmen – beispielsweise als intelligenteres, emotionaleres oder persönlicheres Gesamterlebnis. Und genau das ist für mich auch das Ziel, oder „der Purpose“, der mich bei der Arbeit antreibt: Die Vorstellung, dass die Weiterentwicklung unserer Prototypen irgendwann tausenden Kundinnen und Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern könnte und ein Teil ihres Alltags wird, ist eine sehr starke Motivation. Diesen Spirit spüre ich auch in unseren Teams, denn jede und jeder von uns kann sichtbar dazu beitragen, ein innovatives Produkt mit einem hohen Wert für die Menschen zu formen.
„Die Entwicklung AI-driven zu machen ist eine Chance im globalen Wettbewerb“ – Phillip
Phillip, wenn Du an eine besonders herausfordernde Aufgaben denkst, mit der Du Dich bei der BMW Group mit Freude beschäftigst, welche ist das?
Phillip: Eine der spannendsten Herausforderungen ist für mich die Frage, wie wir unsere Entwicklungsprozesse KI-basiert gestalten und wie wir neueste Methoden – beispielsweise auf dem Gebiet der Multimodalen Sprachmodelle – für unsere Anwendungen und Ziele anpassen. Dazu muss man wissen: Die Technologie entwickelt sich rasend schnell und wir können nicht mit jedem Release einer neuen GPT-Version von vorne anfangen. Also müssen wir uns damit beschäftigen, wie wir nachhaltig skalierbare Lösungen schaffen, die produktiven Nutzen bieten und sich kontinuierlich weiterentwickeln lassen. Bei dieser Aufgabe arbeiten wir einerseits mit den neuesten Methoden aus der Forschung und überführen andererseits unser in Jahrzehnten erarbeitetes, überragendes Engineering-Know-how in die Zukunft – die Arbeit daran empfinde ich als extrem reizvoll.
Mir ist aufgefallen, dass Ihr kürzlich ein sehr spannendes GenAI-Praktikum ausgeschrieben habt, auf das ich mich als junge Informatikerin auf jeden Fall beworben hätte. Was lernen Praktikantinnen und Praktikanten bei Euch?
Dominique: Praktikant:innen können bei uns ihre Persönlichkeit entfalten und gleichzeitig technische Fähigkeiten auf einem hohen Niveau weiterentwickeln – und zwar mit direktem Praxisbezug am Fahrzeug. Wir suchen in unserem Team kontinuierlich nach Talenten, die Neugier, neue Perspektiven und ein positives Mindset mitbringen. Wir haben das große Glück, dass sich viele tolle Studierende bei uns bewerben – mit enormer Motivation. Für diesen Motor an Energie bieten wir die passende „Rennstrecke“. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es die BMW Group schafft, auch nicht „klassische Automotive Profile“ für diese Branche zu begeistern. Das häufigste Feedback, auch von Studierenden ohne Automotive-Erfahrung, lautet: „Am meisten begeistert mich, dass ich meinen Code direkt im Fahrzeug ausprobieren und sofort erleben kann.“ Diese unmittelbare Wirkung schafft ein besonderes Lernumfeld: Verantwortung übernehmen, schnell iterieren, aus Tests lernen und gemeinsam Ergebnisse feiern. Die spürbare Begeisterung überträgt sich auf das gesamte Team – und ist ein wichtiger Teil unserer Kultur.
Wie bereite ich mich als IT-Studierender bestmöglich auf das KI-Zeitalter vor?
Phillip: Ich denke, dass man versuchen sollte, Erfahrungen in der Anwendung von KI-Methoden auf konkrete, technische Problemstellungen und die Entwicklung eigener Lösungsansätze zu sammeln. Neben einem Grund-Repertoire an Skills im Umgang mit Modellen, Frameworks und Bibliotheken ist es wichtig, sich damit vertraut zu machen, wie mit realen Daten und Anforderungen gearbeitet werden kann. In der Realität sind die Datensätze oft nicht vollständig, die Rechenressourcen knapp oder Anforderungen an die Genauigkeit von Vorhersagen extrem hoch. Da braucht es neben dem technischen Grundverständnis auch Kreativität, um realisierbare Wege zu entdecken.
„Ein Lernumfeld aus schneller Iteration und Verantwortungsübernahme ist wichtiger Teil unserer Kultur“ – Dominique
Die BMW Group steht für absoluten Premiumanspruch. Welche Unternehmenskultur ist nötig, um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden?
Dominique: Premium beginnt mit Haltung. Für mich heißt das: Selbstständig zu denken, eigene Ideen einzubringen und intrinsisch motiviert nach besseren Lösungen zu suchen. Wir fördern ausdrücklich die Perspektivenvielfalt – denn aus unterschiedlichen Blickwinkeln entstehen robuste, kundenzentrierte Innovationen. Genauso wichtig ist nach der Idee auch der Mut zur Umsetzung: Dinge anzugehen, die bisher nicht möglich waren, und ins Machen zu kommen. Wenn es eine bessere Lösung gibt, haben wir den Mut, Altbewährtes loszulassen und neu zu starten. Und das geht immer nur mit Vertrauen: Wir setzen auf starke und gut vernetzte Teams und gegenseitiges Vertrauen. Gute Ideen brauchen Raum – und die Sicherheit, dass man experimentieren, lernen und auch mal den Kurs korrigieren darf. Dies alles ist Teil unserer Unternehmenskultur bei der BMW Group.
Wodurch wurde Dir klar, dass Du nach dem Abschluss Deiner Promotion bei der BMW Group bleiben möchtest, Phillip?
Phillip: Während meiner Promotion habe ich mir des Öfteren die Frage gestellt, ob ich nach meinem Abschluss bei der BMW Group bleiben möchte. Eine akademische Laufbahn oder einen Wechsel in andere Branchen konnte ich mir durchaus vorstellen. Jedoch wurde gegen Ende meiner Promotion deutlich, dass im Umfeld meines Teams in der Entwicklung eine große KI-Initiative gestartet wird. Diese hat zum Ziel, den Entwicklungsprozess bei der BMW Group KI-basiert zu denken. Da ich gerne weiter an der Schnittstelle von Wissenschaft und ingenieurstechnischer Anwendung arbeiten wollte, war für mich schnell klar, dass das eine einmalige Chance ist. Als dann das Angebot meines Teams kam, mich zu übernehmen, habe ich keine Sekunde gezögert.
Spielte bei der Entscheidung auch eine Rolle, dass Du mit Deiner Arbeit einen Beitrag zu einer Produktverbesserung leistest, die am Ende Menschen konkret zugute kommt?
Phillip: Ja, durchaus. Unseren Kunden wird hoffentlich zugutekommen, dass wir mithilfe der KI-getriebenen Entwicklung schneller und mit höchstem Qualitätsanspruch entwickeln wollen. Technologien kommen schneller ins Produkt und Anforderungen werden noch besser verstanden und eingehalten. Wir können unsere Produkte besser auf die Kundenbedürfnisse zuschneiden und unsere hohen Ansprüche an Qualität und Sicherheit noch genauer erfüllen. Um dir ein konkretes Beispiel aus dem Bereich der passiven Sicherheit zu nennen: Ich arbeite aktuell an einem Projekt, in dem wir die Simulation mithilfe von Sprachmodellen unterstützen wollen. Wir verfolgen das Ziel, dutzende Simulationen effizienter auszuwerten, genauere Rückschlüsse für die Fahrzeugentwicklung daraus zu ziehen und diese zu optimieren. Für unsere Kunden hätte das zur Folge, dass unsere Fahrzeuge noch sicherer sind. Dazu einen Beitrag leisten zu dürfen, ist sehr motivierend.
„Die MINT-Welt steht Frauen offen – sie müssen sie sich aber auch nehmen“ – Dominique
Dominique, was macht Ihr, um mehr Frauen für Tech zu begeistern – und welchen Rat würdest Du einer MINT-Studierenden geben: Hast Du einen geheimen Karriere-Hack?
Dominique: Wenn man sich an die Schulzeit erinnert, sieht man, dass die Mädels den Jungs teilweise meilenweit voraus sind, auch in MINT Fächern – lasst euch das nicht nehmen, weder durch Klischées noch Sozialisierung. Mein „geheimer” Karriere Hack ist: Hört nicht auf klassische Karriere-Ratgeber! Denn diese entspringen oft einer veralteten, sehr männlich geprägten Welt. Ihr müsst euch nicht zurück nehmen, nicht brav sein und nicht eure Stimme senken, weil eine hohe Stimmlage „anstrengend“ wirken könnte. Im Gegenteil, zeigt, was ihr drauf habt! Hört auf euer Bauchgefühl! Seid mutig und selbstbewusst beim Ausspielen eurer Stärken – und wenn euch etwas interessiert, probiert es einfach aus. Die MINT-Welt steht euch offen, aber ihr müsst sie euch auch nehmen!