
„KI macht nicht träge, sie führt uns zu ganz neuen Möglichkeiten“
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt rasant – und verunsichert viele Studierende. Werden Junior-Positionen überflüssig? Welche Berufe haben noch Zukunft? Und wie bereitet man sich auf eine Karriere vor, die es heute vielleicht noch gar nicht gibt? Gregor Schmalzried, AI Thought Leader, Podcaster und Autor des Buches „Wir, aber besser“, gibt im Interview überraschend optimistische Antworten. Er erklärt, warum historische Technologie-Umbrüche Mut machen sollten, welche drei KI-Schwächen Studierende unbedingt kennen müssen und weshalb die „richtige Sprache“ im Umgang mit KI zum entscheidenden Karrierevorteil wird.
Herr Schmalzried, Sie beschreiben KI als unverzichtbar, um unseren Wohlstand zu erhalten. Gleichzeitig fürchten viele Studierende, dass genau diese Technologie ihre Karrierechancen zunichtemacht. Wie passt das zusammen?
Im Großen und Ganzen hat der Arbeitsmarkt immer noch viel zu wenig Leute, um unsere Volkswirtschaft langfristig am Laufen zu halten. Es fehlen Leute in der Pflege, im Rechtswesen, in der Verwaltung, in der Industrie. Noch vor zwei Jahren hat jedes Unternehmen um Nachwuchs gekämpft. Nun sieht die Stimmung gerade etwas anders aus – auch dank KI. Aber das wird früher oder später wieder kippen. KI ist ein gewaltiger Technologiewandel. Und das bedeutet Unsicherheit – vor allem kurzfristig. Es wird garantiert sehr viele Jobs geben, die durch KI disruptiert werden. Aber das heißt nicht, dass es keine Karrierechancen mehr gibt. Es heißt vor allem, dass wir aus heutiger Sicht kaum sagen können, wie diese Karrierechancen einmal genau aussehen. Wir haben schon viele Technologiewandel erlebt und bisher hat keiner dazu geführt, dass auf einmal keine Arbeit mehr da war. Die Arbeit war nur woanders.

In Ihrem neuen Buch „Wir, aber besser“ blicken Sie auf historische Technologie-Umbrüche zurück. Welche Parallele aus der Vergangenheit hilft Studierenden heute am besten, die KI-Revolution einzuordnen – und was können wir daraus konkret lernen?
Vor fast fünfzig Jahren kamen die ersten GUIs auf den Markt – grafische Benutzeroberflächen für den Computer. Auf einmal musste ich den Computer nicht mehr via Kommandozeile bedienen, sondern konnte Programme auswählen und anklicken. Das machte Computer viel zugänglicher – und ermöglichte gleichzeitig eine völlig neue Welt von Software. Wir stehen jetzt vor einem ähnlichen Sprung. KI bietet eine völlig neue Methode, mit digitaler Technologie zu interagieren: indem ich mit ihr spreche, in natürlicher Sprache. Die Programme und Möglichkeiten, die daraus folgen, kann man sich heute teilweise kaum vorstellen. Ähnlich wie man sich 1980 nicht Google Maps vorstellen konnte. Aber man kann der erste sein, der diese neue Art der digitalen Welt baut. Oder zumindest versteht.
Viele Einstiegspositionen werden gerade gestrichen, weil KI klassische Junior-Aufgaben übernimmt. Welche Einstiegsfelder verschwinden tatsächlich – und welche neuen entstehen, die noch niemand auf dem Radar hat?
Prognosen dieser Art sind immer wahnsinnig schwer – Nobelpreisträger und KI-Koryphäe Geoffrey Hinten prognostizierte vor zehn Jahren, wir würden bald keine Radiologen mehr brauchen. Heute herrscht akuter Radiologen-Mangel und die, die es gibt, verdienen ein Schweinegeld. Hintons Fehler war, einen Job mit einer einzelnen Aufgabe gleichzusetzen. Die meisten Jobs bestehen aus einer Vielzahl von verschiedenen Aufgaben, und nur, wenn eine KI jeden einzelnen dieser Schritte eigenständig übernehmen kann, wird er wirklich ersetzbar. Das ist das Problem für die Junior-Stellen – die klassischerweise oft als Stückwerk-Aufgaben bestehen, und keinen vollständigen Projekten. Aber junge Leute können mehr als nur Stückwerk-Aufgaben. Sie bringen frische Ideen und ein selbstverständliches Verständnis für die Technologien und Perspektiven, die heute wichtig sind. Die Unternehmen müssen das erkennen – und die jungen Leute müssen es einfordern. Und wenn das nicht klappt: Noch nie war der Zeitpunkt so gut, sich alleine oder mit einer Gruppe selbständig zu machen und, mit Hilfe von KI, die alteingesessenen zu disruptieren.
Sie betonen die Bedeutung der „richtigen Sprache“ im Umgang mit KI. Was meinen Sie damit konkret, und wie wird diese Fähigkeit zum Karrierevorteil für Absolvent:innen?
Es zeichnet sich mittlerweile ab: Je besser die großen KI-Modelle werden, desto schwieriger wird es auch, das beste aus ihnen herauszuholen. Das heißt auch, dass diejenigen, die mit der KI umgehen können, ihre eigenen Arbeit völlig neu skalieren können. Und die Nachzügler fallen immer weiter zurück. Wer heute selbstverständlich mit generativen Tools umgehen kann – und sei es nur aus der Arbeit in der Uni – versteht die wichtigste digitale Technologie der Gegenwart besser als die überwältigende Mehrheit der Arbeitnehmer in Deutschland. Junge Leute erleben leider gerade jede Menge unfaire Nachteile. Aber das ist auf jeden Fall ein Vorteil.
In „Der KI-Podcast“ sprechen Sie über Stärken und Schwächen von KI. Welche drei Schwächen der KI sollten MINT-Studierende unbedingt kennen und gezielt für ihre Karriereplanung nutzen?
Wenn man versteht, wann “Halluzinationen” auftreten und wie man sie vermeidet, ist man schon einmal großartig ausgebildet. Das bedeutet, man versteht, dass generative Tools von Datensätzen abhängig sind, dass die falschen Modelle (ohne Reasoning) zu vorschnellen Fehlern neigen und dass eine selbstbewusst vorgetragene Antwort nicht gleichbedeutend ist mit einer sicheren Antwort.
Sie sagen, KI soll uns „kreativer und menschlicher“ machen. Geben Sie uns drei smarte, konkrete Hacks, wie Studierende noch während des Studiums KI nutzen können, um diese Fähigkeiten zu entwickeln.
- Daten sortieren und durchsuchen (mit dem Hinweis “Nenne mir das Originalzitat”)
- Kalender-Dateien, Browserdateien, Websites etc einfach selbst generieren lassen. Selbst wenn man keinen Code versteht, man kann ihn jetzt einsetzen.
- Wenn man unsicher ist, wie man anfangen soll: die KI fragen, was sie von einem braucht
Aufgrund der sich immer neu weiterentwickelnden Technologien ist es wenig vorhersehbar, welche Karriere-Skills in Zukunft gefragt sind, was der „Einstellung“ und dem „Mindset“ eine relevantere Rolle zuschreibt. Welches Mindset brauchen Studierende heute, um in 5-10 Jahren nicht zu den „Wegrationalisierten“ zu gehören, sondern zu den „KI-Profiteuren“?
Es gibt aktuell viel Debatte darüber, ob KI dumm und träge macht. Und das kann natürlich passieren – wenn man sie für das falsche einsetzt. Das beste, was man heute machen kann, ist es, ambitioniert zu bleiben. Wenn die KI die Hälfte der Hausarbeit übernimmt? Super. Aber dann sollte man die gewonnene Zeit reinvestieren: In eine bessere Hausarbeit, in tiefgreifendes Verständnis oder auch in ganz eigene Projekte und Ideen. Wenn man die Effizienzgewinne nutzt, macht KI nicht träge, sie führt uns zu ganz neuen Möglichkeiten.
Szenario-Check: Führt KI zu dauerhaftem Wachstum oder wird das bedingungslose Grundeinkommen unvermeidbar? Was ist Ihre persönliche Einschätzung – und wie sollten sich Studierende auf beide Szenarien vorbereiten?
Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen von KI sind viel schwerer einzuschätzen als die Entwicklung der KI selbst. Klar ist, dass es zu Disruptionen kommen wird. Und dass die demographischen Verhältnisse im Land eher nicht dazu führen, dass die Belange junger Leute an erster Stelle stehen. Ich kann nur raten, die eigenen Stärken auszuspielen: Wenn die klassischen Institutionen immer schlechter funktionieren, kann man sich auch seine eigenen schaffen. Man kann freelancen, gründen, side-hustlen, sich austauschen. Die Zukunft wird unberechenbar, und in der Unberechenbarkeit profitieren alle, die sich nicht zu sehr ausruhen.
Sie erwähnen, dass wir KI brauchen, damit „Pflege und medizinische Versorgung nicht völlig zusammenbrechen“. Warum ist das so und welche anderen Berufsfelder werden durch KI nicht bedroht, sondern dringend aufgewertet – und warum?
Ich glaube, solche Aufwertungen wird es in praktisch jedem Berufsfeld geben. In der Pflege und Medizin werden sich Jobs verändern können, indem die KI bei der Dokumentation, der Dienstplanung, und so weiter hilft. Und anderswo wird das genauso passieren. Teilweise ist es offensichtlich, was man stattdessen tut (z.B. in der Pflege), teilweise lernt man das erst, wenn man sich selbst im Job befindet. Der größte Fehler, den man machen kann, ist anzunehmen, dass Berufe feste Konstanten sind. Berufe sind Konstruktionen aus vielen kleinen Aufgaben. Und aus den interessantesten Aufgaben entstehen die interessantesten Jobs – durch alle Branchen hinweg.
Wenn Sie heute nochmal studieren würden: Welche drei Dinge würden Sie ab dem ersten Semester anders machen, um optimal auf die KI-Zukunft vorbereitet zu sein?
Pick your battles. Man muss nicht alles machen und wissen – tief in ein paar ausgewählte Themen und Belange einzusteigen, ist oft besser.
Sich selbst nicht unterschätzen. Generative KI ist als Topos drei Jahre alt. Die Professoren und Abteilungsleiter können gar nicht viel mehr wissen als man selbst.
Und früh und viel selbst zu schreiben. Schreiben ist sortiertes Denken. Es gibt nichts Besseres, um den Verstand frisch zu halten.