„Scheitern bei der Gründung ist kein Makel im Lebenslauf“

Aller Anfang ist schwer – und Scheitern beim ersten Versuch der Gründung des eigenen Unternehmens leider nicht selten. Doch Prof. Dr. Martin Gersch von der Freien Universität Berlin beruhigt: worauf es ankommt, sind Erfahrungen und die Lehren, die man daraus zieht. Weshalb die Arbeit in einem Start-up einen ganzheitlichen Blick fördert und das Netzwerk, in dem gegründet wird, entscheidend ist, lest ihr im Interview.

Professor Gersch, was macht einen guten Gründer oder eine gute Gründerin aus?
Die oder den eine:n gute:n Gründer:in gibt es nicht. Die verschiedenen Persönlichkeiten sind aber zumeist gekennzeichnet durch Neugierde, Kompetenz und Begeisterung in mindestens einem Themenfeld, Team- und Kooperationsfähigkeit, Gestaltungswillen und Kreativität für Lösungen. Wie wir empirisch zeigen konnten, ist in einzelnen Phasen auch etwas Hybris förderlich, weil sie bei der Bewältigung großer Unsicherheiten hilft. So entstehen bei den Gründer:innen keine Blockaden durch Selbstzweifel, was oft auch Team und Investor:innen motiviert. Selbstverständlich gibt es aber auch die „dunklen Seiten der Hybris“, wie zu hohe Risikobereitschaft oder Beratungsresistenz. Daher raten wir zu einem Monitoring und einer guten Team-Ergänzung.

Die Start-up-Szene übt einen starken Reiz auf Absolventen gerade aus dem MINT-Bereich aus. Woran erkenne ich bei der Wahl des ersten Arbeitgebers, ob das Start-up solide genug ist, auch im kommenden Jahr noch zu existieren?
Das kann niemand erkennen, wäre aber auch der falsche Denkansatz in diesem Bereich. Es geht nicht um einen dauerhaft sicheren Arbeitsplatz – dafür muss man sich woanders umschauen –, es geht um Erfahrungen. Und diese werden hilfreich und wertvoll sein, egal ob die ersten Versuche gleich Erfolg oder Misserfolg bedeuten. Hier ändert sich auch die „Kultur des Scheiterns“ in Deutschland, sodass Scheitern keinen Makel im Lebenslauf mehr bedeutet. „Serial Entrepreneurs“ reihen oft Erfolge und auch Misserfolge aneinander, sammeln hierbei aber sehr wichtige Erfahrungen, die sie jederzeit für verschiedenste Aufgaben qualifizieren. Dass gleich die erste Gründungsidee herausragend funktioniert, dürfte eher die Ausnahme sein.

Wenn aber Absolventen aus einkommensschwachen Schichten stammen und finanzielle Sicherheit ein wichtiger Faktor ist – sorgt das nicht dafür, dass nur betuchte Absolventen sich Start-ups zuwenden?
Nach meiner Erfahrung sind Gründungsvorhaben insgesamt nicht eindeutig mit sozialer Schichtung assoziiert. Es mag zwar Unterschiede bei den Gründungsthemen und Herangehensweisen geben. In unseren empirischen Untersuchungen zeigt sich aber eher eine große Prägung der Gründungsneigung durch das Elternhaus und Vorbilder in der direkten Familie und der Verwandtschaft, weniger durch die soziale Schichtung oder das verfügbare Einkommen. Vorbilder und Selbstständigkeit gibt es auch auf geringerem Einkommensniveau, seien der Gastwirt von nebenan, die Tante-Emma-Laden-Besitzerin oder Künstler:innen.

Zudem kann es sogar in der Gründungsphase vorteilhaft sein, die Gründung als existenzielle Chance zur Verbesserung zu sehen und – zumindest in den ersten Aufbauphasen – auch mit geringen Mitteln auszukommen.

Was spricht Ihrer Ansicht nach dafür, bei einem Start-up – auch in Hinblick auf die spätere eigene Gründung – seinen ersten Job anzutreten?
Neben besagter Erfahrung wird man in einem Start-up immer einen ganzheitlicheren Blick erlernen (müssen), im Vergleich zu einem Einstieg in einem Großunternehmen, wo man zumeist organisatorisch oder funktional abgegrenzte und vorgedachte Positionen innehat.

Auch wenn man wegen bestimmter fachlicher Expertisen bei einem Start-up mitwirkt, wird jede:r im Laufe des Prozesses gezwungen sein, alle relevanten Spannungen mit zu durchdenken und zu lösen. Das können Herausforderungen im Bereich Wertversprechen, Marketing, Geschäftsmodell, Personalpolitik, Recht/Regulierung, Technik/IT, Kooperations-/Plattform-/Ökosystemstrategien et cetera sein. Auf jeden Fall vielfältig, umfassend und relevant.

Wenn ich heute direkt aus dem Studium oder danach gründen möchte, stellt sich zunächst die Standortfrage. Wenn man im Digitalbereich auch personell skalieren möchte, gilt Berlin als erste Adresse, weil dort viele Coder verfügbar sind. Es gibt aber auch strukturschwächere Regionen, die Gründer besonders unterstützen. Nach welchen Kriterien würden Sie den idealen Standort für ein Start-up auswählen?
Zumindest in unseren Studiengängen können sich Studierende schon im Studium systematisch auf die Entwicklungsperspektive Gründung/Entrepreneurship vorbereiten. In den letzten Jahren haben wir immer mindestens ein EXIST-Gründerstipendium aus einer Studierendenkohorte heraus begleitet, oft mehrere in verschiedenen Förderformaten. Insofern ist dies kein „Sprung ins kalte Wasser“, sondern ein frühzeitig begonnener Entwicklungsprozess, ähnlich dem in Richtung Wissenschaft und Promotion – wenn auch inhaltlich anders. Und selbst das muss sich nicht ausschließen. An der FU Berlin fokussieren wir insbesondere wissenschaftsbasierte und forschungsnahe Gründungen, die Ergebnisse herausragender Forschungsprojekte in die Gesellschaft tragen. Diese Translation ist ein wichtiger Teil der BUA-Exzellenzstrategie.

Eine Gründung erfolgt in aller Regel nicht auf der grünen Wiese und im luftleeren Raum, sondern hoffentlich reflektiert und ganz bewusst am „richtigen Standort“ in die richtigen Netzwerke hinein („Augen auf bei der Standortwahl!“). Hierbei sind die Fragen verfügbarer Coder:innen oder lokaler ökonomischer Anreize wie zum Beispiel Förderungen wichtig, aber bei weitem nicht die einzig relevanten. Entscheidend ist das passende Themencluster sich ergänzender Fähigkeiten, Potenziale und Optionen, die durch Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, NGOs und so weiter gebildet werden. Diese Cluster fungieren als lokale und regionale Ökosysteme, in dem kurze Wege zu Expertise in den unterschiedlichsten Facetten die Entwicklung massiv befördern. Auch hier wirken direkte und indirekte Netzeffekte, durch die ein Themen-Cluster die notwendige „Kritische Masse“ (= Mindestgröße) erreichen muss, um zu funktionieren. Dies lässt sich durch Förderungen in strukturschwachen Gebieten bedingt begleiten, aber nie vollständig ersetzen. Haben die Cluster dann die notwendige Mindestgröße erreicht, korrespondiert dies dann oft auch mit der Verfügbarkeit entsprechend qualifizierten Personals, aber eben auch noch mit viel mehr. 

Ist durch die Digitalisierung nicht ein Stück weniger wichtig geworden, sich in angesagten Metropolen niederzulassen? Kunden findet man schließlich digital überall und die Lebenshaltungskosten sind abseits der Metropolen geringer.
Diese These, dass die Standortfrage weniger relevant ist, dürfte für nur wenige Gründungsthemen so gelten. Die zuvor beschriebene Vernetzung in einem lokalen und regionalen Cluster ist ohne persönliche Begegnung und Interaktion kaum möglich. Für die Erfüllung einzelner Teilaufgaben mag es egal sein, von wo aus die Arbeit erledigt wird und hier wird das Kostenargument entscheiden. Das eingangs skizzierte, umfassende Bild wird man aber nur in Präsenz und im richtigen Cluster erfolgreich ausbilden und realisieren können.

Welche Gründer – international, national oder eventuell sogar aus Ihrem direkten Umfeld beeindrucken Sie persönlich ganz besonders? Und was können junge Gründer von ihnen ganz besonders lernen?
Ach, davon habe ich schon zu viele erlebt, um hier einzelne Personen hervorzuheben. Im Kern meiner Forschung beschäftige ich mich mit den Mechanismen hinter technologiegetriebenen Veränderungsprozessen, der „Digitalen Transformation“. Gründer:innen und unternehmerisch denkende Menschen sind immer wieder die Unruhe und die Dynamik im System, die „positiv Wahnsinnigen“, die letztlich zu diesen Veränderungen führen. Das sind nicht immer nur die großen, bekannten Beispiele aus den USA, das sind auch Ärzt:innen, die aus Kenntnis der Probleme im Gesundheitswesen und aus aktuellen Pandemielagen Lösungen schaffen, die zukünftige Strukturen radikal verändern. Das reicht von niedrigschwelliger intersektoraler Kommunikation, über globale Telemedizin in der Intensivmedizin bis zur KI-gestützten Dermatologie-App, die das Leben vieler Kinder und Eltern mit Neurodermitis verändert. Patienten-Communitys nutzen die Digitalisierung zur eigenen Professionalisierung und entwickeln sich zu Stakeholdern auf Augenhöhe im Innovationsprozess mit den besten Kenntnissen über ihre eigenen Erkrankungen.

Überraschungen gibt es aber auch im Bereich Mobilität, wo ein altehrwürdiges öffentliches Unternehmen wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum lokalen Plattform-Orchestrator wird und mit einem Angebot wie Jelbi die mobile Zukunft von Berlin mitgestaltet.

Die Persönlichkeiten hinter diesen Beispielen sind immer durch sehr individuelle Kombinationen der eingangs beschriebenen Eigenschaften gekennzeichnet. Aber weil die Gründer:innen-Welt so bunt ist, ist sie auch so interessant.


profund / FU Berlin

Prof. Dr. Martin Gersch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, Information und Organisation am Department Wirtschaftsinformatik des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft sowie Gründer und Leiter des Digital Entrepreneurship Hubs (DEH) an der Freien Universität Berlin. Daneben fungiert er als Principal Investigator für Digitale Transformation am Einstein Center Digital Future (ECDF) und als Leiter des Health-X Innovation Hubs (Domäne Health im EU-Vorhaben GAIA-X).

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