
„Am Ende findet jeder Absolvent den Einstieg“
Der Arbeitsmarkt für MINT-Absolvent:innen ist in Bewegung – auch Profile, die lange kaum Bewerbungen schreiben mussten, spüren das heute. Anja Robert vom Career Center der RWTH Aachen ist aus ihrer Arbeit mit den Sorgen und Fragen der Studierenden vertraut und erklärt, warum die Lage kein Grund zur Panik ist, welche Branchen einstellen – und was Studierende tun können, um gut vorbereitet zu sein.
Viele MINT-Absolvent:innen berichten derzeit, dass die Jobsuche trotz hunderter Bewerbungen länger dauert als erwartet. Was beobachten Sie konkret in Ihrer Beratung im Career Center der RWTH?
Wir erleben aktuell einen Anstieg der Beratungsanfragen. Häufig geht es genau darum, dass selbst hochqualifizierte junge Menschen verunsichert sind, weil es trotz zahlreicher Bewerbungen nicht so schnell klappt. Hunderte Bewerbungen habe ich bei unseren Profilen allerdings noch nicht gehört – aber bis zu 50 können es aktuell schon mal werden. Wenn man in die Vergangenheit zurückschaut, ist das natürlich gar nicht so ungewöhnlich: Auch Akademiker hatten immer schon eine mittlere Suchdauer von etwa sechs Monaten bis zum ersten Job.
Neu ist, dass es heute auch Profile wie IT und Ingenieurwesen trifft, die in der jüngsten Vergangenheit kaum Bewerbungen schreiben mussten. Nichtsdestotrotz liegt die Akademiker-Arbeitslosenquote in Deutschland noch immer bei rund drei Prozent, was offiziell als Vollbeschäftigung gilt. Das kann ich in den Beratungen auch immer wieder betonen: Jeder Absolvent und jede Absolventin findet den Einstieg – es kann nur manchmal etwas länger dauern, und man muss eventuell ein paar Abstriche machen.
Was sind aus Ihrer Erfahrung die entscheidenden Faktoren, die bestimmen, ob jemand schnell oder erst nach vielen Monaten erfolgreich ist?
Erfolgreicher ist man aktuell beim Berufseinstieg, wenn man regional flexibler ist und auch Branchen offen sucht. Ich würde also immer empfehlen, den Blick zu öffnen und insgesamt anpassungsfähiger zu sein – was Standorte, Tätigkeiten, Branchen und zum Teil auch Einstiegsgehälter angeht. Einige Branchen stellen gerade kaum ein, andere hingegen suchen nach wie vor. Wichtig finde ich auch den Gedanken, dass der Einstieg in den Arbeitsmarkt in der Regel keine Entscheidung für den Rest des Lebens ist. Es geht erst einmal darum, den Fuß in die Tür zu bekommen – vieles entwickelt sich dann im Laufe der weiteren Berufsjahre von selbst.
Welche konkreten Felder oder Branchen empfehlen Sie MINT-Studierenden heute, die sie vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben?
Meine Empfehlung ist immer, zu schauen, welche Inhalte und Fähigkeiten aus der eigenen Vita sich auch auf andere Bereiche übertragen lassen. Die chemische Industrie ist gerade zum Beispiel sehr zögerlich – aber vielleicht lohnt sich ein Blick in den Bereich Infrastruktur: Siedlungswasserwirtschaft, Aufsichtsbehörden und auch Ingenieurbüros und Start-ups bieten spannende Einstiegsmöglichkeiten.
Dasselbe gilt für Automotive – auch hier ist die Lage gerade schwierig. Wer dort keine Stelle findet, sollte schauen, wo das Erlernte sonst noch gebraucht wird. Der ganze Bereich Defence sucht, Think Tanks und Beratungen können eine Alternative sein – und auch dort gibt es spannende Start-ups, die nach Lösungen in den Bereichen E-Mobilität und vernetzte Systeme suchen. Antriebe, Verbrennungstechnik, Fahrzeugkonzepte – das sind häufig Branchen, die nicht so glamourös wirken wie die großen Automobilhersteller, aber der Berufseinstieg kann trotzdem wirklich spannend sein.
Ich rate immer dazu, Fachmessen und Branchentreffpunkte zu besuchen: Dort findet man Aussteller, Speaker und Sponsoren, die in den Themen unterwegs und erfolgreich sind. Außerdem empfehle ich, Chatbots für einen iterativen Austausch zu nutzen und sich Alternativen, Messen und Berufsbilder vorschlagen zu lassen.
Viele Studierende haben das Gefühl, dass ein Top-Lebenslauf allein nicht mehr reicht. Was müssen Bewerberinnen und Bewerber heute zusätzlich mitbringen?
Grundlage ist immer eine gute und fachlich fundierte Ausbildung – das ist das Fundament jeder Biografie. Aber darauf aufbauend sollte man andere Aspekte und Tätigkeiten nicht vernachlässigen und auch im Lebenslauf nicht unterschlagen. Gefragt sind interdisziplinäres Wissen, Problemlösefähigkeit, Teamerfahrung, Projektarbeit, Engagement, Englischkenntnisse und der Umgang mit Herausforderungen.
Ich werde dann immer gefragt, wie man das am besten zeigt. Ganz einfach: Man sollte sich studentische Jobs suchen – sei es an der Hochschule oder in Unternehmen – und sich engagieren, zum Beispiel in Fachschaften, Vereinen, Studenten- initiativen. Auch wichtig ist es, sich auszuprobieren und Hobbys zu entwickeln. Das macht Spaß, man trifft nette Menschen, lernt eine Menge – und der Personaler kann besser verstehen, wie man als Mensch tickt.
„Problemlöser werden auch in Zukunft gesucht“
Was raten Sie Studierenden, die jetzt im zweiten oder dritten Semester sind?
Ganz wichtig: Sammeln Sie Erfahrungen. Suchen Sie sich einen Job, probieren Sie sich aus, engagieren Sie sich, schauen Sie über den Tellerrand. Nutzen Sie die Studienzeit wirklich als Entwicklungs- und Qualifizierungszeit. Gehen Sie ins Ausland, machen Sie ein Praktikum auch mal außerhalb Ihrer bekannten Region – Flexibilität ist wirklich entscheidend. Keine Zukunftsprognose legt gerade fest, was Bestand haben wird, aber alle sind sich sicher, dass auch künftig Problemlöser gesucht werden – und dafür sind Akademiker prädestiniert.
Also: nicht verschrecken lassen, sondern neugierig und offen bleiben.

Bewerbung in unsicheren Zeiten Erfolgreiche Jobsuche für MINT-Absolvent:innen
- Flexibel denken, breiter suchen
Schau nicht nur auf die bekannten Namen. Arbeitgeber in Defence, Behörden oder Start-ups bieten derzeit spannende Einstiege. - Jetzt wertvolle Erfahrungen sammeln
Ein turboschnelles Studium ist aktuell vielleicht sogar kontraproduktiv. Sammle stattdessen Erfahrungen, die dich persönlich weiterbringen. - Sprich mit deinem Career Center vor Ort
Sie haben Erfahrung und oft gute Kontakte in den regionalen Mittelstand. Sie wissen auch, wie schnell der Jobmarkt wieder drehen kann.