Wie wird aus einer Gruppenarbeit eine Gelegenheit, Führung auszuprobieren? Carolin Bartmann zeigt, worauf es beim Übernehmen von Verantwortung ankommt und warum Führung mehr bedeutet, als selbst gute Leistungen zu erbringen.
Wer an Führungskräfte denkt, hat schnell das Bild eines erfahrenen Managers vor Augen – meist männlich, laut und selbstsicher. Doch Führungspotenzial zeigt sich lange, bevor jemand ein Team leitet – auch im Studium, und oft gerade bei denen, die man auf den ersten Blick nicht auf dem Radar hat. Das weiß Carolin Bartmann, Beraterin bei Egon Zehnder in Frankfurt und auf die Entwicklung von Führungspersönlichkeiten spezialisiert.
Was du wissen solltest
- Das Potenzial: Führung zeigt sich, wenn jemand Verantwortung übernimmt, andere zusammenbringt und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet.
- Die Fähigkeiten: Fachliche Stärke und persönliche Leistung allein reichen nicht aus. Führungspotenzial zeigt sich auch darin, andere einzubinden und gemeinsam Ergebnisse zu erreichen.
- Die Wirkung: Führung muss nicht laut sein. Sie kann sich auch darin zeigen, aufmerksam zuzuhören, die Gruppe voranzubringen und den entscheidenden Impuls zu geben.
Woran erkennen Sie Führungspotenzial bei jemandem, der noch nie ein Team geleitet hat?
Führungsverhalten zeigt sich lange vor einer formalen Rolle. Zum Beispiel, wenn ein Uni-Projekt feststeckt: Wer übernimmt Verantwortung, bringt die anderen zusammen und sorgt dafür, dass aus einzelnen Beiträgen ein gemeinsames Ergebnis wird? Führungspotenzial hat für mich viel damit zu tun, Lust darauf zu haben, gemeinsam etwas zu bewegen, Einfluss zu nehmen und Verantwortung für das gemeinsame Ziel zu übernehmen.
Welche studentische Erfahrung sagt Ihnen viel und welche eher wenig?
Die Aufzählung von Stationen oder Erfahrungen, beispielsweise im Lebenslauf, ist für mich erst einmal eine Visitenkarte. Spannend ist, was sich dahinter wirklich verbirgt und wie diese Erfahrungen die Person geprägt und weiterentwickelt haben. Der Vorstandstitel einer Studenteninitiative klingt zunächst gut. Wer den Titel aber nur trägt, ohne die Rolle wirklich auszufüllen, macht daraus schnell ein Eigentor. Ich erkenne im Gespräch schnell, ob jemand tatsächlich Führung und Verantwortung übernommen hat, an den konkreten Erfahrungen, von denen die Person berichten kann. Das gilt nicht nur für Studierende: Auch später im Berufsleben sagt mir ein Titel allein noch wenig über die tatsächliche Führungserfahrung und -kompetenz einer Person.
„Führungspotenzial hat für mich viel damit zu tun, Lust darauf zu haben, gemeinsam etwas zu bewegen”
Wie erzählt man von einer kleinen Führungssituation, ohne sie größer zu machen?
Eine Situation wird nicht glaubwürdiger, wenn ich sie größer erzähle. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn die Situation für mich persönlich relevant ist und ich ehrlich auf sie zurückblicken kann: Welchen Anteil hatte ich am Geschehen? Welche Wirkung hatte mein Verhalten? Und was habe ich daraus gelernt? Es muss sich dabei nicht um eine Heldenstory handeln. Ich erlebe selbst bei Top-Führungskräften in Interviews oder Assessments, wie schwer diese differenzierte Reflexion fällt. Ob jemand die Situation und den eigenen Anteil daran für sich wirklich geklärt hat, merke ich im Gespräch schnell daran, wie die Person darüber spricht: konkret, differenziert und auf den Punkt oder ausschweifend, ohne zum Kern zu kommen. Auch diese Klarheit in der Reflexion und Kommunikation ist für mich ein erster Hinweis auf Führungsfähigkeit.
Woran zeigt sich Führung bei leisen Menschen?
Bei leisen Menschen kann sich Führung in der Qualität und Wirkung ihrer Beiträge zeigen. Eine Stärke kann darin liegen, dass sie das gemeinsame Vorhaben in den Mittelpunkt stellen und nicht ihre eigene Präsenz. In einer Projektarbeit kann das die Person sein, die aufmerksam zuhört, erkennt, dass die Gruppe sich verzettelt, und den entscheidenden Impuls gibt, mit dem alle sinnvoll weiterarbeiten können. Führung muss nicht laut sein, darf allerdings auch nicht unsichtbar werden. Wer zu leise bleibt und sich dauerhaft zurückhält, verliert den Anschluss an die Gruppe und damit die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.
Welches Talent wird am häufigsten mit Führungspotenzial verwechselt?
Am häufigsten wird aus meiner Sicht hohe individuelle Leistungsfähigkeit mit Führungspotenzial verwechselt. Wer fachlich stark, ehrgeizig und überzeugend ist, fällt schnell positiv auf. Führung beginnt aber dort, wo jemand nicht nur selbst gute Ergebnisse erzielt, sondern andere so einbindet und zusammenführt, dass die Gruppe als Ganzes etwas erreicht. Je größer die Führungsverantwortung später wird, desto weniger kann man selbst im Detail arbeiten. Dann zeigt sich, ob jemand den Wechsel schafft: vom eigenen starken Beitrag hin zur Fähigkeit, durch andere und gemeinsam mit anderen Wirkung zu erzielen.
„Je größer die Führungsverantwortung wird, desto weniger kann man selbst im Detail arbeiten”
Wie lässt sich Führungspotenzial schon während des Studiums entwickeln?
Führen lernt man vor allem durch Erfahrung: indem man Verantwortung übernimmt, unterschiedliche Rollen ausprobiert und sich ehrliches Feedback einholt. Gleichzeitig kann man viel daraus lernen, wie man selbst geführt wird, etwa im Praktikum, im Nebenjob oder im Studium. Wer inspiriert mich und warum? Wer tut es nicht und woran liegt das? Wer solche Erfahrungen bewusst reflektiert, entwickelt nach und nach ein eigenes Verständnis davon, wie er oder sie authentisch und zugleich wirksam führen möchte.
Welche Aufgabe würden Sie Studierenden fürs nächste Semester geben, um Führung einfach auszuprobieren?
Gehen Sie raus aus Ihrer Komfortzone. Arbeiten Sie bei der nächsten Gruppenarbeit oder Initiative bewusst mit Menschen
zusammen, die anders denken und arbeiten als Sie. Übernehmen Sie Verantwortung dafür, dass aus diesen Unterschieden ein gemeinsames Ergebnis entsteht, ohne alles selbst zu machen.
Fragen Sie die anderen anschließend: Wie habe ich auf euch gewirkt? Was hat euch geholfen? Was hat euch gestört? Seien Sie mutig und probieren Sie sich aus. Die Welt von morgen braucht Führungskräfte wie Sie!
Häufig gestellte Fragen an Führungskräfte?
Was braucht man um Führungskraft zu werden?
Laut Carolin Bartmann braucht es vor allem die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, andere einzubinden und gemeinsam etwas zu bewegen.
Wann kann man anfangen, Führung zu lernen?
Führung zeigt sich nicht erst in einer formalen Position. Schon im Studium lässt sie sich erproben, indem man in Gruppenarbeiten oder Initiativen Verantwortung für ein gemeinsames Ergebnis übernimmt.
Wie kann man sich in der Führung weiterentwickeln?
Laut Carolin Bartmann helfen unterschiedliche Erfahrungen und ehrliches Feedback dabei, ein eigenes Verständnis davon zu entwickeln, wie man authentisch und wirksam führen möchte.
