„Für eine nachhaltige Zukunft gibt es keinen anderen Weg“

nachhaltige Zukunft, Professor Quaschning

Professor Quaschning, HTW Berlin

Die Generationen der Fridays for Future-Bewegung erscheinen allmählich an den Hochschulen. Doch gerade das Thema Karriere kommt überraschend oft in Konflikt mit dem Wunsch nach einer nachhaltigen Zukunft. Welche Rolle kurzfristiges Denken, Scham und echte Strategien auf dem richtigen Weg vorwärts spielen, erklärt Prof. Quaschning von der HTW Berlin im Gespräch.

Professor Quaschning, es gibt viele Bemühungen, um erneuerbare Energien zu pushen, beispielsweise indem Solaranlagen auf jedes Dach gebracht werden sollen. Wie sehen Sie vor solchen Bemühungen aktuell die Energiewende – gibt es noch Hoffnung?
Auch wenn möglicherweise die Hürde der 1,5-Grad-Erderwärmung gerissen wird – beim Klimaschutz gibt es nicht „den einen“ Kipp-Punkt, an dem die Welt untergeht. Der Klimawandel katapultiert uns langsam in eine immer katastrophalere Welt. Jedes Zehntel Grad Anstieg, das wir vermeiden, ist den Aufwand absolut wert. Wir müssen deutlich unter 2 Grad bleiben müssen. Man darf nicht aufgeben, sondern muss umso heftiger reagieren, alles andere wäre fatal.

Der Klimaschutz ist eine fachliche und gesellschaftliche Diskussion. Wie argumentiert man, wenn beispielsweise ältere Kollegen Angst um den alten, schlechten Lebensstil haben?
Die Menschheit hat oft Schwierigkeiten damit, nicht-lineare Zusammenhänge zu begreifen. Wenn kommuniziert wird, dass es wärmer wird und weniger regnet, denkt die Mehrheit, sie müssten eben etwas mehr gießen auf dem Balkon. Die Folgen der ungebremsten Klimakrise kann man sich nicht richtig vorstellen und wenige versuchen es überhaupt. Fälle aus der Realität, wie jüngst die 49 Grad im Frühling in Pakistan – das ist zu weit weg, das betrifft uns ja nicht – so ungefähr ist die Denkweise in diesem Fatalismus-Modus. Deswegen ist die Aufklärung so enorm wichtig. Haben die Menschen die wahren Konsequenzen einmal verinnerlicht, ist die Bereitschaft zum Handeln oft sehr groß.

In hitzigen Diskussionen bekommen Menschen schnell das Gefühl vermittelt, sie hätten bisher die Welt kaputt gemacht – aber niemand möchte sich selbst als Teil des Problems sehen. Welche Rolle spielt die Scham?
Psychologisch ist es etwas schwierig: Mit Scham allein darf man in der Debatte auf keinen Fall vorgehen, denn dadurch kann man entweder den erwähnten Fatalismusmodus auslösen oder völlige Renitenz. Wir müssen aus einer Wohlstandsgesellschaft heraus viele große Transformationen angehen und abschließen. Solch große Veränderungen funktionieren am Ende nur aus zwei Gründen: Wenn ein hoher Leidensdruck entsteht und wenn man extrem umfangreiche positive Ergebnisse erwartet. Statt auf Fleischverzicht zu pochen, kann man die positiven Seiten einer neuen, coolen Ernährungsgewohnheit wie veganem Konsum kommunizieren. Wir haben aktuell die Möglichkeit, eine Welt zu schaffen, die besser ist als heute.

Dazu braucht es auch die Menschen, die an der Zukunft arbeiten.
Richtig, die wesentlichen Technologien müssen nicht nur entwickelt, sondern auch umgesetzt werden. In 15 Jahren müssen wir den Anteil der erneuerbaren Energien von derzeit zirka 20 Prozent auf 100 Prozent erhöhen. Mit dem heutigen Stand an Fachkräften wird das nicht ansatzweise funktionieren. Zu den erfolgskritischen Aufgaben gehört, die Energieversorgung umzubauen, Solarzellen effizienter zu machen, sie aufzubauen, zu warten, Ladesäulen für Elektroautos bereitzustellen … Eine Million zusätzlicher Fachkräfte sind hier nötig. Was angesichts der jüngeren Generationen verwundert: In den Maschinenraum der Energiewende möchte offenbar kaum jemand mehr rein. Es reicht aber nicht, nur eine andere Milch zu kaufen und dann in irgendeinem Büro Business-as-usual zu machen.

Die Technologie kann eine entscheidende Rolle spielen. In Island gibt es beispielsweise ein Unternehmen names Carbfix, das CO2 in Steine presst – das klingt so herrlich simpel.
Ähnliches findet sich auch in den Wahlprogrammen einiger Parteien – man würde zwar den Klimaschutz unterstützen, aber de facto warte man auf Erfindungen, die die Welt retten. Das verfängt, denn das klingt nach Hoffnung und danach, dass es weitergehen kann wie bisher, weil ein Start-up uns alle irgendwann rettet. Es beruhigt die Gemüter, ganz einfach. Zu Ihrem Beispiel: Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, der Atmosphäre das CO2 wieder zu entnehmen. Leider sind das aber gigantische Mengen, Milliarden Tonnen von Stein wären dafür nötig – so viele kann man gar nicht verbauen. Wenn wir unseren Lebensstil verändern, den Konsum von Masse hin zu Genuss entwickeln, können wir ein deutlich besseres Potenzial heben.

Teil dieses Potenzials ist zum Beispiel die E-Mobilität, die dank Tesla messbar Fahrt aufgenommen hat – als Technologie ist sie noch nicht perfekt und eigentlich bräuchten wir viel weniger Autos, aber ein Anfang ist gemacht. Bezogen auf Deutschland muss man überlegen, wie man das Land jenseits der E-Mobilität transformieren möchte. Klare Ziele sind, in 15 Jahren kein Benzin, Öl und Gas mehr zu nutzen, keine Verbrenner mehr zuzulassen und dafür sämtliche Energie aus Sonne sowie Wind zu beziehen. Das Speicherproblem muss gelöst werden. Wollen wir unsere Lebensstile nicht radikal verändern, müssen wir mit einer regelrechten Materialschlacht jetzt eine klimaneutrale Welt aufbauen..

Stichwort Solarenergie und Speicherproblem: Die Stromerzeugung gilt als wenig konstant und es lohne sich außerdem nicht, den Strom ins Netz einzuspeisen.
Das spiegelt genau dieses schnelle und kurzfristige Denken wider. Eine Anlage hält derzeit 30 Jahre und rechnet sich oft nach 10. Reich können damit nicht alle werden, aber das ist auch nicht das Ziel – die Solaranlage ist der Beitrag, den Viele selbst zum großen Ganzen leisten können. Abgesehen davon kann man sich mit einem zusätzlichen geeigneten Batteriespeicher bei einem längeren Stromausfall nahtlos selbst weiterversorgen – es gibt also mehr Vorteile als nur den Preis beim Einspeisen des Stroms.

Ein weiterer Faktor in der öffentlichen Diskussion ist der Fokus auf den privaten Bereich, den einige gerne mehr Richtung Industrie schieben würden.
Der Endenergiebedarf in Deutschland verteilt sich zu fast gleichen Anteilen auf den privaten Bereich, die Industrie und den Verkehr. In der Industrie gibt es gefühlt größere Hebel, weil ein großer Konzern so viel Energie verbraucht wie tausende private Haushalte. Aber die Haushalte müssen halt auch klimaneutral werden. Es gibt vieles, wofür die Politik noch Rahmenbedingungen setzen kann, beispielsweise für einen ÖPNV ohne Diesel und ein Ende der Subventionen für fossile Energieträger. Das kann man privat nicht beeinflussen. Im Wesentlichen macht die Industrie nur das, was am billigsten ist. Kaufentscheidungen sind relevant, aber jenseits einer Beteiligung am politischen System sind die Möglichkeiten vieler Privathaushalte begrenzt.

Einige Unternehmen werden für ihr Greenwashing kritisiert. Wie erkennt man, ob Unternehmen es ernst mit der Nachhaltigkeit meinen? 
Es gibt einzelne Unternehmen, die richtige Strategien haben, um in den nächsten 10 bis 15 Jahren klimaneutral zu werden. Jede Firma, die kein schlüssiges Konzept dafür hat, ist aus meiner Sicht kein nachhaltiges Unternehmen, weil hier zwangsläufig Altlasten beim Klimaschutz auf uns zukommen werden. Klimaneutral heißt im Übrigen nicht, dass man in Norwegen Wasserkraftzertifikate einkauft oder Bäume pflanzt. Sie müssen beim eigenen Unternehmen, dem eigenen Fuhrpark ansetzen, ihrer eigenen Heizung ansetzen. Fragt im Vorstellungsgespräch also ganz direkt nach der Strategie!


Weitere Beiträge in Sachen Tech & Nachhaltigkeit findest du hier. 

Share.