Muss man für Defense Tech einen fertigen Karriereplan haben? Dr. Eveline Beer von Women in Defense Tech sagt: nein, und zeigt viele Einstiegswege.
Europa braucht Sicherheit – und Frauen, die sie mitgestalten
AI, Robotik und Cybersecurity entscheiden zunehmend darüber, wie gut sich Europa schützen kann – und werfen zugleich große gesellschaftspolitische Fragen auf. Dr. Eveline Beer von Women in Defense Tech erklärt, warum MINT-Studentinnen in diesem Spannungsfeld mehr bewegen können, als viele vermuten.
Was du wissen solltest
Frau Dr. Beer, Sie verbinden Infrastruc-ture-Consulting, Leadership-Coaching und Ihre Rolle als Co-Founderin von Women in Defense Tech (WiDT) – was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich im europäischen Defense-Tech-Ökosystem zu engagieren?
Für mich war der Weg in Defense Tech eine logische Weiterentwicklung meiner bisherigen Laufbahn. Ich habe viele Jahre an der Schnittstelle von Infrastruktur, Technologie und Investments gearbeitet – dabei ging es immer um Systeme, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft essenziell sind: Verkehr, Energie, kritische Infrastruktur. Mit der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Europa ist mir noch stärker bewusst geworden, dass Sicherheit die Voraussetzung dafür ist, dass all diese Systeme und letztlich auch unsere offene Gesellschaft funktionieren können.
Im Defense-Tech-Ökosystem habe ich gleichzeitig unglaublich viel technologische Dynamik erlebt. Hier arbeiten Menschen an autonomen Systemen, KI, Robotik, Sensorik, Cybersecurity, Space oder resilienter Infrastruktur – oft mit einer Geschwindigkeit und einem Verantwortungsgrad, wie sie junge Talente in klassischen Industrien erst viel später erleben.
Genau da sehe ich eine große Chance für weibliche MINT-Talente. Wir können es uns schlicht nicht leisten, auf die Kompetenz der Hälfte unserer Gesellschaft zu verzichten.
Dabei brauchen Frauen keine Sonderbehandlung – was häufig fehlt, sind Zugänge, Netzwerke und sichtbare Role Models. Ich möchte dazu beitragen, dass Frauen Defense Tech als Berufsfeld wahrnehmen und Zugang zu den Menschen und Unternehmen bekommen, die dieses Ökosystem gerade aufbauen.
Women in Defense Tech versteht sich als Plattform an der Schnittstelle von Defense Innovation, Kapital und Leadership – wie würden Sie einer MINT-Studentin erklären, welche Chancen und konkreten Zugänge sie über Ihr Netzwerk gewinnen kann?
Das Wichtigste ist: Man muss noch keinen fertigen Karriereplan für Defense haben. Wir möchten Möglichkeiten sichtbar machen und Menschen miteinander verbinden.
Über Women in Defense Tech können Studentinnen bei Veranstaltungen Gründerinnen und Gründer, Ingenieurinnen, Investorinnen, Vertreter der Industrie, Bundeswehr und Politik kennenlernen. Sie können sehen, welche unterschiedlichen Karrierewege es gibt, Fragen stellen und Kontakte aufbauen. Ein Berufsfeld wird viel greifbarer, wenn man Menschen kennenlernt, die bereits darin arbeiten.
Dabei verstehen wir uns nicht als klassische Karriereinitiative. Women in Defense Tech verbindet unterschiedliche Teile des Defense-Ökosystems: Start-ups, etablierte Industrie, Investoren, Politik, Streitkräfte, Wissenschaft und Talente. Dadurch entstehen Kontakte oft nicht entlang eines vorgegebenen Karrierepfads – jemand kommt vielleicht zu einer Veranstaltung, weil sie sich für Drohnen oder Space interessiert, spricht dort mit einer Gründerin und entdeckt eine berufliche Möglichkeit, die sie vorher nicht kannte.
Mit Careers in Defense wollen wir zusätzlich sichtbar machen, wie vielfältig die beruflichen Möglichkeiten in Defense und Defense Tech heute sind, und Talente mit Unternehmen
zusammenbringen, die genau diese Fähigkeiten suchen.
„Selbstbewusstsein bedeutet, auch mit Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben”
Welche typischen Einstiegswege sehen Sie aktuell für Studentinnen und Absolventinnen in Defense Tech – vom Praktikum über Traineeprogramme bis hin zu frühen Führungsaufgaben?
Die Einstiegsmöglichkeiten sind heute deutlich vielfältiger, als viele vermuten. Praktika und Werkstudentenstellen sind ein sehr guter Einstieg. Dazu kommen Graduate- und Traineeprogramme bei größeren Unternehmen sowie direkte Einstiegspositionen bei Start-ups.
Gerade Start-ups können für junge Talente besonders spannend sein. Teams sind kleiner, Hierarchien flacher und Verantwortungsbereiche häufig größer. Man kann deshalb teilweise sehr früh an Produkten oder Projekten arbeiten, die tatsächlich eingesetzt werden.Und Defense Tech braucht längst nicht nur klassische Aerospace Engineers. Gesucht werden unter anderem Softwareentwicklerinnen, AI- und Machine-Learning-Spezialistinnen, Elektrotechnikerinnen, Systems Engineers, Data Scientists oder
Cybersecurity-Expertinnen. Gleichzeitig gibt es spannende Schnittstellenrollen in Product Management, Operations, Finance, Policy oder Business Development. Menschen, die Technologie verstehen und gleichzeitig erklären können, was sie für Nutzer, Investoren oder politische Entscheidungsträger bedeutet, sind extrem wertvoll.
Defense Tech ist nach wie vor männlich geprägt – welche Hürden erleben Frauen besonders deutlich, und wie adressiert Women in Defense Tech diese Barrieren?
Eine der größten Hürden ist aus meiner Sicht nicht offene Diskriminierung. Viel subtiler und dadurch häufig wirkungsvoller ist das Gefühl: „Das ist vielleicht keine Welt für mich.“ Wenn man auf eine Veranstaltung kommt und fast ausschließlich Männer sieht, wenn auf Panels kaum Frauen sitzen oder wenn im eigenen Umfeld niemand eine Karriere in Defense kennt, beeinflusst das die eigene Wahrnehmung von Möglichkeiten. Deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht – Frauen müssen auch Zugang zu relevanten Netzwerken und konkreten Chancen bekommen. Genau deshalb versuchen wir bei Women in Defense Tech nicht nur Role Models zu zeigen, sondern Menschen tatsächlich zusammenzubringen. Dabei ist mir wichtig, dass Frauen nicht nur über das Thema „Frauen in Defense“ sprechen. Eine Ingenieurin soll selbstverständlich über autonome Systeme, Radar oder AI sprechen. Eine Investorin über Finanzierung. Eine Gründerin über Skalierung. Normalität entsteht dann, wenn Frauen aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz sichtbar sind.
Ich habe einen großen Teil meiner Karriere in Bereichen verbracht, die traditionell männlich geprägt sind – Investment Banking, Infrastrukturinvestments und heute Defense Tech. Dabei lernt man relativ schnell, dass Kompetenz allein nicht automatisch bedeutet, dass Kompetenz auch wahrgenommen wird.
Mein Rat wäre deshalb: Wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Meldet euch zu Wort. Bewerbt euch auf Positionen, auch wenn ihr nicht hundert Prozent der Anforderungen erfüllt. Baut Netzwerke auf, bevor ihr sie dringend braucht. Und sucht euch Menschen, die euch fördern und gleichzeitig ehrlich herausfordern. Sichtbarkeit bedeutet für mich nicht Lautstärke – es bedeutet, eine eigene Position zu entwickeln und sie klar vertreten zu können.
Die Interviewpartnerin: Dr. Eveline Beer ist Co-Founderin und Co-CEO von Women in Defense Tech, einer Plattform, die Innovation, Inklusion und Zusammenarbeit im Bereich Technologie und nationale Sicherheit fördert. Die promovierte Infrastruktur-Expertin blickt auf mehr als 16 Jahre internationale Erfahrung in Investment Banking, Asset Management und Unternehmertum zurück und arbeitet zudem als Leadership-Coachin.
Welche Kompetenzen brauchen Frauen im Defense-Tech-Umfeld heute besonders, um dort Karriere zu machen?
Drei Dinge sind besonders wichtig: Klarheit, Resilienz und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Defense Tech entwickelt sich extrem schnell. Technologien verändern sich, Unternehmen wachsen in kurzer Zeit, politische Rahmenbedingungen verschieben sich und Entscheidungen können weitreichende Konsequenzen haben. Führung bedeutet deshalb zunehmend, Entscheidungen treffen zu können, obwohl noch nicht alle Informationen vorhanden sind.
Gleichzeitig halte ich Selbstreflexion für eine unterschätzte Leadership-Kompetenz. Man sollte wissen: Was kann ich gut? Wo brauche ich andere Menschen? Welche Werte sind für mich nicht verhandelbar? Und wie reagiere ich unter Druck? Gerade jungen Frauen würde ich sagen: Leadership beginnt nicht erst mit einem Führungstitel. Man kann bereits als Studentin oder Berufseinsteigerin Verantwortung übernehmen – sei es für ein Projekt, eine Idee oder eine Entscheidung. Selbstbewusstsein bedeutet nicht, immer sicher zu sein. Es bedeutet, auch mit Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Man muss sich nicht „fertig“ fühlen, bevor man Verantwortung übernimmt.
„Frauen brauchen keine Sonderbehandlung – was fehlt, sind Zugänge, Netzwerke und sichtbare Role Models”
Viele MINT-Studentinnen fragen sich, ob man mit Defense-Technologie „auf der richtigen Seite“ steht – welchen Rat geben Sie einer jungen Frau, die nach einem wertebasierten Kompass sucht?
Ich finde es sehr gut, wenn junge Menschen diese Frage stellen. Bei Technologien, die sicherheitsrelevant sind, sollte man sich mit ihrer Wirkung und Verwendung auseinandersetzen. Für mich ist die entscheidende Frage: Was braucht eine demokratische und offene Gesellschaft, um sich und ihre Werte schützen zu können?
Der Krieg in der Ukraine hat uns sehr deutlich gezeigt, dass Sicherheit in Europa keine Selbstverständlichkeit ist. Verteidigungsfähigkeit bedeutet für mich nicht, Krieg attraktiver zu machen – im Gegenteil: Glaubwürdige Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit kann dazu beitragen, Aggression zu verhindern. Gleichzeitig geht es um technologische Souveränität: Europa muss bei zentralen Technologien selbst handlungsfähig bleiben.
Es geht um sehr unterschiedliche Technologien und Anwendungsfelder – von Cybersecurity und Satellitenkommunikation über Sensorik und autonome Systeme bis zum Schutz kritischer Infrastruktur. Wer über einen Einstieg nachdenkt, sollte sich ansehen, woran ein Unternehmen arbeitet, welchen Beitrag die eigene Rolle leisten kann und ob man sich mit dessen Mission identifizieren kann. Diese bewusste Auseinandersetzung halte ich für wichtiger als eine pauschale Einordnung der gesamten Branche.
Wenn Sie an die nächsten fünf bis zehn Jahre denken: Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für Frauen in der europäischen Defense-Tech-Szene?
Mein Wunsch wäre, dass wir irgendwann weniger über „Frauen in Defense Tech“ sprechen müssen.
Ich möchte mehr Gründerinnen sehen, die Defense-Tech-Unternehmen aufbauen. Mehr Investorinnen, die Kapitalallokationsentscheidungen treffen. Mehr Ingenieurinnen und technische Führungskräfte. Und mehr Frauen an den Tischen, an denen über Technologie, Sicherheitspolitik und die strategische Zukunft Europas entschieden wird.
Entscheidend ist für mich nicht eine bestimmte Quote auf einem Foto. Entscheidend ist, dass Frauen tatsächlich Einfluss haben – Kapital verantworten, Unternehmen aufbauen, Technologien entwickeln und Entscheidungen treffen.
Europa wird in den kommenden Jahren sehr viele zusätzliche Talente in Technologie, Industrie und Verteidigung brauchen. Deshalb sehe ich Diversität nicht nur als gesellschaftliches Thema, sondern als strategische Notwendigkeit.
Mein Rat an jede MINT-Studentin: Sei neugierig und offen für ein Feld, das du vielleicht noch nicht richtig kennst. Du musst heute nicht entscheiden, ob du deine Karriere in Defense Tech verbringen möchtest. Oft reicht ein einziges Gespräch, um ein viel konkreteres Bild davon zu bekommen, welche Möglichkeiten es gibt. Schließ Defense Tech nicht aus, bevor du es kennengelernt hast.
Laut Dr. Eveline Beer arbeiten Menschen im Defense Tech an autonomen Systemen, KI, Robotik, Sensorik, Cybersecurity, Space oder resilienter Infrastruktur. Dabei wird oft mit einer Geschwindigkeit und einem Verantwortungsgrad gearbeitet, den junge Talente in klassischen Industrien erst viel später erleben. Dr. Eveline Beer nennt Praktika und Werkstudentenstellen als einen sehr guten Einstieg. Dazu kommen Graduate- und Traineeprogramme bei größeren Unternehmen. Laut Dr. Eveline Beer werden Softwareentwicklerinnen, AI- und Machine-Learning-Spezialistinnen, Elektrotechnikerinnen, Systems Engineers, Data Scientists und Cybersecurity-Expertinnen gesucht. Dazu kommen Schnittstellenrollen in Product Management, Operations, Finance, Policy oder Business Development. Alle weiteren Infos zu Women in Defense Tech findest du hier. Häufige Fragen zu Defense Tech
Was ist Defense Tech?
Wie steigt man in Defense Tech ein?
Welche Berufe gibt es in Defense Tech?
Wo kann ich mehr zu Women in Defense Tech erfahren?

