
MINT und Sicherheitspolitik vereinen
Die Bundeswehr ist längst kein rein militärischer Arbeitgeber mehr — Digitalisierung, Cybersicherheit und komplexe IT-Projekte bestimmen den Alltag. Oberstleutnant Astrite Schneider gibt persönliche Einblicke in einen Arbeitgeber im Wandel — und zeigt, warum gerade MINT-Absolventinnen mehr Möglichkeiten haben als je zuvor.
Frau Oberstleutnant Schneider, was macht die Bundeswehr heute als Arbeitgeber für MINT-Frauen interessant?
Die Bundeswehr hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Sie ist längst nicht mehr nur eine klassische militärische Organisation, sondern ein moderner Arbeitgeber, der stark von Technologie, IT und Digitalisierung geprägt ist. Gerade in Zeiten von Cyberangriffen und komplexen sicherheitspolitischen Herausforderungen wird deutlich, wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte sind. Dabei rücken Frauen zunehmend in den Fokus, insbesondere solche mit technischem Hintergrund.
Denn Vielfalt ist kein Selbstzweck. Unterschiedliche Perspektiven verbessern Entscheidungen, fördern Innovation und stärken die Führungskultur. Für Frauen, die sich für Technik interessieren und gleichzeitig Verantwortung übernehmen möchten, bietet die Bundeswehr daher viele Möglichkeiten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass es zwischen Anspruch und Realität noch Unterschiede gibt.
Jenseits von formalen Karrierewegen – was entscheidet Ihrer Erfahrung nach wirklich über den beruflichen Erfolg von Frauen in der Bundeswehr?
Neben der formalen Ausbildung spielen Mentoringprogramme eine wichtige Rolle. Sie helfen dabei, sich innerhalb der Organisation zu orientieren, eigene Ziele zu reflektieren und strategisch zu planen. Gleichzeitig ermöglichen sie Zugang zu Netzwerken, die für die Karriere oft entscheidend sind.
Denn beruflicher Erfolg hängt nicht nur von Leistung ab. Sichtbarkeit, Unterstützung und die richtigen Kontakte sind ebenso wichtig. Gerade in einer großen Organisation wie der Bundeswehr macht das etablierte Mentoringprogramm möglicherweise ein Unterschied und kann ein entscheidender Erfolgsfaktor für Frauen auf dem Weg in Führungspositionen sein.
„Die Zukunft gehört nicht denen, die bestehende Wege perfekt gehen, sondern denen, die bereit sind, neue zu schaffen”
Gibt es Programme oder Formate, die Sie als besonders wirksam für die Förderung von Soldatinnen erlebt haben?
Die Bundeswehr setzt konkrete Maßnahmen um, um die Entwicklung und Förderung von Soldatinnen nachhaltig zu stärken. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist das Format „Radar-Truppenoffizierinnen“. In diesem Rahmen werden die beruflichen Werdegänge von Soldatinnen gezielt in den Fokus gerückt und sichtbar gemacht. Über die regulären Entwicklungsmöglichkeiten hinaus werden individuelle Förderpotenziale identifiziert und aktiv genutzt. Ziel ist es, maßgeschneiderte Karrierepfade zu entwickeln, die gezielt auf zukünftige Führungsaufgaben vorbereiten. Dabei fließen persönliche Vorstellungen und Lebensplanungen der Offizierinnen bewusst in die Karrieregestaltung ein.
In welchen Bereichen der Bundeswehr werden Frauen mit technischem Wissen besonders gebraucht – und warum?
Besonders im technischen Bereich und insbesondere für MINT-Absolventinnen bietet die Bundeswehr viele Möglichkeiten. Ob im Cyber- und Informationsraum, in der IT oder in spezialisierten technischen Einheiten, wird das Fachwissen immer wichtiger. Es ist Führungsaufgabe, die Sichtweisen von Frauen bewusst einzubeziehen und zu stärken. Unterschiedliche Meinungen helfen dabei, bessere Entscheidungen zu treffen und neue Ideen zu entwickeln. Frauen bringen oft andere Blickwinkel in die Lösung von Problemen ein. Sie achten zum Beispiel stärker auf Teamarbeit, gute Kommunikation und die langfristigen Folgen von Entscheidungen. Gerade im technischen Bereich ist das sehr wichtig. Dort braucht man genaue Analysen und kreative Lösungen. Teams mit unterschiedlichen Menschen arbeiten oft besser zusammen, erkennen Risiken früher und finden nachhaltigere Lösungen.
Wie sieht ein klassischer Karriereweg bei der Bundeswehr aus?
Der typische Weg einer Offizierin ist klar strukturiert. Nach dem Auswahlverfahren folgt die militärische Ausbildung, oft kombiniert mit einem Studium. Anschließend übernehmen junge Offizierinnen erste Führungsaufgaben, zum Beispiel als Zugführerin.
Im weiteren Verlauf ergeben sich Spezialisierungen und höhere Führungspositionen. Langfristig sind auch Spitzenverwendungen wie zum Beispiel Kommandeurin möglich. Gleichzeitig wird das System zunehmend flexibler und öffnet sich für individuelle Karrierewege.
Sie haben zuvor Karriere in der Wirtschaft gemacht. Was hat Sie in die Bundeswehr geführt – und was hat dieser Einstieg bewirkt?
Mein eigener Weg in die Bundeswehr entspricht nicht diesem klassischen Karriereweg. Und genau darin liegt seine Aussagekraft.
Ich habe zunächst Wirtschaftsinformatik an einer technischen Universität studiert und anschließend viele Jahre in der freien Wirtschaft sowohl im Inland als auch im Ausland gearbeitet. In dieser Zeit war ich unter anderem in der Prozess- / Strategie- / Managementberatung tätig, habe komplexe IT-Projekte geleitet und sowohl fachliche als auch disziplinarische Führungsverantwortung übernommen. Zusätzlich habe ich Unternehmen zu IT-Systemen und Datenschutz beraten.
Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Organisationen, Führung und Verantwortung geprägt, allerdings außerhalb militärischer Strukturen.
Der Einstieg in die Bundeswehr erfolgte schließlich über den Seiteneinstieg als IT-Stabsoffizierin im Kommando Cyber- und Informationsraum in Bonn. Dort habe ich von Beginn an Verantwortung übernommen, unter anderem als Sachgebietsleiterin und stellvertretende Referatsleiterin im Bereich IT-Management. Parallel dazu war ich als stellvertretende militärische Gleichstellungsbeauftragte tätig. Dieser Weg ist nicht der Regelfall. Aber genau das macht ihn relevant.
Denn die Herausforderungen, vor denen die Bundeswehr heute steht, entstehen nicht ausschließlich innerhalb des militärischen Systems. Themen wie Digitalisierung, IT-Sicherheit oder komplexe Projektstrukturen sind stark von der zivilen Welt geprägt. Wer hier ausschließlich auf klassische militärische Karrierewege setzt, verzichtet auf wertvolle Perspektiven.
Mein Werdegang zeigt, dass Erfahrung aus der Wirtschaft kein Umweg ist, sondern eine Ergänzung. Er zeigt auch, dass Verantwortung nicht erst innerhalb der Bundeswehr gelernt werden muss, sondern bereits vorher entstehen kann.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein solcher Einstieg auch Anpassung erfordert. Um meine Rolle vollständig ausfüllen zu können, habe ich verschiedene militärische Lehrgänge durchlaufen, unter anderem an der Offizierschule des Heeres, der Schule für Informationstechnik der Bundeswehr, dem Zentrum Luftoperationen, der Führungsakademie der Bundeswehr sowie dem Zentrum Innere Führung. Dort habe ich mir die notwendigen Strukturen und Abläufe angeeignet. Dieser Prozess war wichtig, um beide Welten miteinander zu verbinden.
Als Gleichstellungsbeauftragte haben Sie einen besonderen Blick auf das Thema – was bewegt Sie dabei am meisten und wo sehen Sie die dringendsten offenen Baustellen?
Trotz der vielfältigen Maßnahmen bleibt die Förderung von Soldatinnen eine Daueraufgabe, die jeden militärischen Vorgesetzten betrifft. Aus der Perspektive einer stellvertretenden militärischen Gleichstellungsbeauftragten lassen sich mehrere zentrale Handlungsfelder identifizieren.
Der Anteil von Frauen in höheren Führungspositionen ist weiterhin vergleichsweise gering. Hier braucht es gezielte Förderung, transparente Auswahlprozesse und eine stärkere Sichtbarkeit erfolgreicher Vorbilder. Ebenso bleibt die Vereinbarkeit von Familie und militärischem Dienst eine der größten Herausforderungen. Planbare Karrierewege und flexible Modelle sind entscheidend, um langfristig mehr Frauen für eine militärische Karriere zu gewinnen und zu halten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Führungskultur. Während moderne Ansätze bereits vielerorts gelebt werden, bestehen weiterhin Unterschiede in der Umsetzung. Eine einheitliche, diversitätssensible Führungskultur ist jedoch entscheidend für nachhaltige Veränderung.