
Mehr Frauen für mehr Sicherheit? Warum die Verteidigungsindustrie diverser werden muss
Die Verteidigungsindustrie boomt und hat gleichzeitig eine geringe Akzeptanz bei Frauen. Die Branche ist nach wie vor stark männlich geprägt. Arbeitgeber aus dem Verteidigungsbereich stoßen bei Männern auf mehr als dreimal so großes Interesse wie bei Frauen. Für MINT-Absolventinnen eröffnet sich damit ein besonders spannendes Karrierefenster: Wenn Arbeitgeber der Rüstungsindustrie langfristig innovativer, vielfältiger und anschlussfähiger werden wollen, kommen sie nicht daran vorbei, deutlich mehr Frauen für sich zu gewinnen. Headhunterin Eva Brückner erklärt, was die Branche bietet, was sie bremst – und wie Studentinnen den Einstieg finden.
Sie sagen, Frauen ziehen Frauen an – aber in der Rüstungsindustrie existiert dieser Effekt quasi nicht. Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen den Weg in die Verteidigungsbranche wählen?
Wir haben 2020 eine Marktstudie dazu gemacht, wie viele Frauen in den Führungsetagen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie arbeiten – damals waren es auf den ersten beiden Unternehmensebenen in Deutschland keine 5%. Daran hat sich meines Wissens bis heute nichts geändert. Die Frage ist also einfach zu beantworten: Wo keine Frauen arbeiten, können diese auch keine Frauen nachziehen. Um diese klassische Männerdomäne zu erobern, braucht es vor allem einen klaren Willen und das Bekenntnis des Topmanagements zu mehr Frauen in der Führung inklusive klarer Top-down-Ansagen.
Die Netzwerke in der Branche sind oft historisch gewachsen – aus ehemaligen Bundeswehr-Einheiten, aus langjährigen Kollegenkreisen. Für Frauen ohne militärischen Hintergrund: Wie findet man da den Einstieg?
Der Einstieg in die „typisch weiblich geprägten Berufsfeldern“ wie Recht, Finanzen, HR ist eine Möglichkeit – für die MINT-Damen aber sicherlich nicht so geeignet.
„Technologisch arbeitet man in dieser Branche stets an sehr anspruchsvollen Themen”
Daher empfehle ich, sich schon zu Karrierebeginn mit Unternehmen der Branche oder Netzwerkpartnern zu vernetzen – zum Beispiel über Women in DefenceTech oder Karrieremessen wie die UniBW – und klar die eigene technische Kompetenz in den Vordergrund zu stellen.
Wenn eine Maschinenbau-Studentin oder Informatikerin sagt: „Rüstung – das ist nichts für mich“, was antworten Sie ihr?
Die Frage wäre wohl: Was daran ist nichts für die Person? Technologisch arbeitet man in dieser Branche stets an sehr anspruchsvollen Themen – das ist natürlich super. Gleichzeitig ist die Arbeit in dieser Branche immer auch verknüpft mit der eigenen Moral und Ethik.
Wer sich damit nicht wohl fühlt, für den oder die ist das dann wahrscheinlich wirklich nicht das richtige Betätigungsfeld. In den letzten Jahren steht bei vielen das Mitwirken an der Sicherheit und dem Erhalt der Freiheit in Europa jedoch im Fokus und weniger die Ablehnung der Rüstung. Hier hat sich das Narrativ stark verändert. Aber es bleibt definitiv eine sehr persönliche Entscheidung und ich würde nie jemanden „überreden“.
„Die Unternehmen der Branche sind durch und durch technologisch getrieben und das wird auch die kommenden Jahre so bleiben“
Welche Rollen und Funktionen in der Verteidigungs- und Rüstungsbranche sind für MINT-Frauen besonders interessant – und wo sehen Sie in den nächsten Jahren den größten Bedarf?
Die Unternehmen der Branche sind durch und durch technologisch getrieben und das wird auch die kommenden Jahre so bleiben. Von der Entwicklung mechanischer und elektronischer Komponenten über Software und KI ist da alles dabei. Sprich alle Rollen in Entwicklung und Produktion, viele im Einkauf und Qualitätswesen sowie in der Projektleitung sind gute Einstiegsrollen.
Was raten Sie einer Studentin, die sich für die Branche interessiert, aber noch unsicher ist – welchen ersten Schritt sollte sie heute noch tun?
Beschäftigen Sie sich zuerst mit der ethischen Frage. Wenn Sie diese für sich geklärt haben, sollten Sie schauen, welcher Teilbereich der Branche zu Ihnen passt – also etwa Luft, Land, Marine oder Cyber. Genauso wichtig ist die Frage, in welchem Unternehmensumfeld Sie sich sehen: bei einem großen Systemhaus, einem Zulieferer, einem etablierten Unternehmen oder einem Start-up. Danach würde ich mich gezielt und aktiv bei den passenden Unternehmen bewerben. Eine gute erste Übersicht über die wichtigsten Player liefert zum Beispiel der Branchenverband BDSV.
Gewissensfrage
So blickt HI:TECH CAMPUS-Redakteurin Lena Maier auf die Verteidigungsbranche:
„Ich habe Germanistik studiert und bin von daher sicherlich niemand, den ein Panzerhersteller heute einstellen möchte. Aber ich habe mir die Frage gestellt, ob ich, wäre ich Ingenieurin, für ein Unternehmen arbeiten könnte, dessen Waffen Menschen töten. Noch vor wenigen Jahren hätte ich dies sicher abgelehnt, heute denke ich etwas anders darüber. Dies aber nicht aus den Gründen, die in der öffentlichen Diskussion am häufigsten genutzt werden. Dort ist unter den Rüstungsunterstützern Konsens, dass nur ein starkes Militär ein entsprechendes Abschreckungspotential bietet, welches potentielle Aggressoren so sehr einschüchtert, dass sie keinen Angriff wagen würden. Das mag stimmen, ist aber möglicherweise zugleich die Logik, die uns Frauen abschreckt. Ich denke, wir ticken da überwiegend anders: Wir glauben an Kommunikation als Mittel zur Konfliktlösung, nicht an die Demonstration von abschreckender Stärke. Vielleicht fühlen sich deshalb Frauen so wenig angezogen von der Rüstungsindustrie?
Mein Grund, warum ich mich als Ingenieurin vermutlich trotzdem bei einem Rüstungsunternehmen bewerben würde, ist ein sehr persönlicher. Mein kleiner Bruder will nach dem Abi freiwillig zur Bundeswehr. Er ist damit ziemlich alleine in seinem Freundeskreis. Ich habe Angst um ihn, wenn es wirklich zu einem Konflikt kommen sollte. Und denke: Mit moderner Verteidigungstechnologie ist er besser geschützt. Und es wird weniger notwendig sein, den archetypischen Krieg mit vielen Soldaten an der Front zu kämpfen. In meiner Vorstellung ist dies ein Krieg, in dem nur noch Drohnen gegen Drohnenabwehr kämpfen und kein Mensch umkommt. Naiv, ich weiß. Aber ohne die entsprechende Technologie nicht nur naiv, sondern schlicht unmöglich. Als Ingenieurin würde ich mich nicht vor einer Verantwortung drücken wollen, die mein kleiner Bruder so sehr fühlt.“