Wie komplex müssen Innovationen wirklich sein?

Die Entstehung von Innovationen ist ein wichtiges Themenfeld, denn die zugehörigen Forschungsfelder sind äußerst vielschichtig und für die Innovationskraft Deutschlands von enormer Bedeutung. Dass Deutschland im internationalen Vergleich relativ weit vorne steht, beweist der Innovationsindikator, den das Fraunhofer ISI regelmäßig im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie erhebt. Er zeigt aber auch, dass Handlungsbedarf besteht, um in die internationale Spitze aufzurücken.

Doch wie kommt es zu Innovationen? Innovationen können auf unterschiedlichen Wegen angestoßen werden: von staatlicher oder gesellschaftlicher Seite, durch Förderprogramme oder Investitionen in bestimmte zukunftsweisende Technologien, durch Forschung und Entwicklung in Unternehmen und mehr. Dabei geht es stets um Technologien, für die ein entsprechender Bedarf besteht. Sie werden also in den Bereichen vorangetrieben, für die ein Markt gesehen wird.

Das heißt aber nicht zwingend, dass diese Technologien immer etwas radikal Neues darstellen. Häufig sind neue Technologien auch Verbesserungen bereits existierender Technologien, zum Beispiel zur Steigerung der Effizienz. Ein Beispiel ist die Entwicklung von der Schallplatte zur DVD und weiter zur Blu-ray: Das Grundprinzip bleibt erhalten, die zugrundeliegende Technologie verbessert sich jedoch. Ob eine immer schnellere Technologieentwicklung − und damit auch Effizienzsteigerung − immer zu wünschenswerten Ergebnissen führt, steht allerdings zur Diskussion. Die Mitarbeiter am Fraunhofer ISI analysieren unter anderem die Erfordernisse von Innovationen und erforschen Wege, Innovationen in ihr systemisches Umfeld einzubetten sowie die Kernbedarfe auf mögliche Nutzer zuzuschneiden.

Spannend wird dieses Thema gerade dann, wenn man darüber nachdenkt, ob Innovation tatsächlich immer als technologische Weiterentwicklung von Hightech-Produkten verstanden werden muss. Braucht man zwangsläufig höhere Komplexität, um neue Märkte zu erschließen? Produkte „Made in Germany“ genießen weltweit das Image höchster Qualität, absoluter Präzision und langer Haltbarkeit. Bezahlt werden sie mit hohen Preisen. Deutschland hat Jahrzehnte gut vom Image des Perfekten, des Hochkomplexen profitiert und konnte sich mit dieser Strategie auch lange Jahre gut behaupten. Aber ist es tatsächlich ein „Lob“ für die deutsche Ingenieurskunst, alles außer „einfach“ und „Standard“ zu können?

Frugale Innovation bedeutet „einfach“ auf höchstem Niveau

Daher ist es notwendig, darüber nachzudenken, ob die künftigen Märkte Deutschlands nicht auch dort sind, wo einfache Produkte benötigt werden. Was bringen technologische Innovationen, wenn sie den Umfeldbedingungen nicht angepasst oder schlicht zu teuer sind? Für Kunden aus den heutigen Wachstumsmärkten oder für Zielgruppen mit einfachen und dennoch sehr konkreten Anforderungen sind hohe Anschaffungskosten oft eine unüberwindbare Hürde. Für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer ergeben sich gerade durch das stetige Wachstum dieser mittleren Marktsegmente neue Marktchancen. Wenn Deutschland seine Wettbewerbsposition weiterhin halten oder sogar verbessern möchte, ist ein rechtzeitiger Einstieg in diese Märkte entscheidend. Der frugale Ansatz kann hierfür eine Lösung sein.

Was kann man sich unter frugalen Innovationen vorstellen? Frugale Innovation meint „more than just cheap – more value for more people from less resources“. Es geht dabei nicht um Billigprodukte, sondern darum, neue Märkte zu erschließen, die unter Umständen völlig neue Anforderungen mit sich bringen. Wichtig ist dabei, sich die Bedarfe vor Ort anzuschauen und technologische und unternehmerische Lösungen für sie zu finden. Dabei geht es nicht nur um Kostensenkung durch schlichte Reduktion des Leistungsumfang, im Zentrum steht stattdessen die Beachtung spezifischer Erfordernisse: Welche Kernbedarfe haben mögliche Nutzer? Wie lassen sich bestehende Hemmnisse als Ansporn nutzen, um neue Zugänge zur Entwicklung von Lösungen zu finden? So manches Produkt lässt sich auf diese Weise einfacher und günstiger gestalten als bisherige Hightech-Angebote – und zwar bei gleicher oder sogar höherer Qualität.

Es ist nicht das Rad, das neu erfunden werden muss

In diesem Zusammenhang ist eine systemische Perspektive notwendig, um ganze Geschäftsmodelle neu zu denken. Häufig beschränken sich notwendige Anpassungen nicht allein auf Produkte, sondern beziehen auch die mit diesen Produkten verbundenen Wertschöpfungsketten, Distributionswege und Dienstleistungsmodelle ein. Auch der gezielte Einsatz von Technologien, um neue und einfachere Wege zum Ziel zu finden, kann eine Rolle spielen.

Bei frugalen Innovationsprozessen liegt das Augenmerk auf jenen Funktionen, die für den Anwender am wichtigsten sind. Unter Umständen können und müssen vor diesem Hintergrund bisherige Ansätze komplett überdacht werden. Was bringt einem der hochkomplexe elektrische Zahnarztstuhl, wenn er dort gebraucht wird, wo es keinen Stromanschluss gibt? Was bringt das Handy mit mannigfachen Zusatzfunktionen, wenn Menschen fortgeschrittenen Alters lediglich telefonieren möchten? Wird ein Amputierter die zwar einfach konstruierte, aber erschwingliche Prothese ablehnen? Wohl eher nicht.

Die aktuelle akademische Diskussion zur frugalen Innovation hat ihre Wurzeln in den Schwellen- und Entwicklungsländern, insbesondere in Indien. Aber auch in Deutschland sehen immer mehr Unternehmen sowie Forscher verschiedener Disziplinen die Notwendigkeit, mit frugalen Lösungen auf komplexe Probleme auf internationalen und nationalen Märkten zu reagieren. Sie sind unter anderem durch die Befürchtung getrieben, dass Europa den Anschluss an sich entwickelnde Märkte wie Indien oder China verpassen könnte.

Frugale Innovation finden bereits in Deutschland statt, in Europa, weltweit – auch wenn sie bisher durch andere Termini beschrieben wurde. Am Fraunhofer ISI wurde ein interdisziplinäres Team aufgestellt, das sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven nähert. Die Experten untersuchen Beispiele frugaler Innovation in den unterschiedlichsten Sektoren: Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen oder auch Technologien im Haushaltsbereich.

Es würde dem deutschen Image nicht schaden, im Innovationsbereich einen pragmatischen und marktorientierten Weg einzuschlagen, indem zielgruppenspezifische beziehungsweise anwendungsorientierte Funktionen in den Fokus rücken. Einen gezielten, wirksamen Einsatz hochentwickelter Technologien in frugalen Produkten und Lösungen schließt dies keinesfalls aus. Die deutsche Ingenieurskunst sollte weiter auf hohem Niveau bleiben und ihre Qualität über jeden Zweifel erhaben sein. Aus deutscher Perspektive bedeutet frugale Innovation: Einfache, robuste Produkte auf höchstem Niveau. Frugale Innovationen bieten Möglichkeiten, die Unternehmen nutzen sollten. Sie stellen einen Paradigmenwechsel hin zu bedarfsorientierten Innovationen dar. Diesen Vorgang begleitet das Fraunhofer ISI aktiv.


frugale Innovation, HI:TECH CAMPUS, Fraunhofer ISI

Copyright: F. Wamhof, Fraunhofer ISI

Über die Autorin:

Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl ist Leiterin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation (ENTECHNON) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehören die Erforschung der Entstehungsbedingungen von Innovationen und ihrer Auswirkungen, das Management von Innovationen und Technologien, die strategische Technologievorausschau und -planung, Roadmapping, Unternehmensnetzwerke sowie Wissensmanagement.

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