„20 Prozent Frauenanteil ist schlicht zu wenig“

Auch im Jahr 2019 sind Frauen unter den beschäftigten Ingenieuren in der Mobilitätsbranche noch klar in der Minderheit. Eine dieser wenigen Frauen ist Anne-Catrin Norkauer, Bereichsleiterin Transport beim Ingenieur- und Managementberatungsunternehmen Ramboll. Im Interview erzählt sie, wie sich ihr persönlicher Karriereweg in der Branche gestaltet hat, warum Frauen und Männer für die Mobilität der Zukunft gleichermaßen gebraucht werden und wie sie dies selbst aktiv im Netzwerk „Women in Mobility“ vorantreibt. 

Frau Norkauer, was meinen Sie: Woran liegt es, dass Ingenieurinnen in Deutschland nach wie vor viel seltener sind als männliche Ingenieure?
Da spielen sicherlich viele Faktoren eine Rolle. Ein wichtiger Grund ist für mich jedoch, dass Mädchen und junge Frauen noch immer wenige sichtbare weibliche Vorbilder im Ingenieurbereich erleben. Das hat unweigerlich Auswirkungen auf die Berufswahl. Allerdings ist auch das öffentliche Bild des Ingenieurberufs anders als ich es im Alltag erlebe: Ich selbst sehe meinen Beruf als unglaublich erfüllend, da ich mit meiner Arbeit tatsächlich etwas bewege, immer wieder Neues ausprobieren darf und mich weiterentwickeln kann. Diese Perspektive auf den Ingenieurberuf spiegelt sich jedoch meiner Meinung nach in der öffentlichen Wahrnehmung kaum wider. Das muss sich sicherlich ändern, um mehr junge Frauen für eine Karriere als Ingenieurin zu begeistern. Aktionstage wie der „Girls Day“ können dazu beitragen, Geschlechterklischees bei der Berufswahl zu verringern, weibliche Vorbilder für die Mädchen sichtbar zu machen und ihnen ganz praxisnah zu vermitteln, warum technischer Sachverstand, etwa für den Schutz des Klimas, unabdingbar ist.

Wie war es bei Ihnen – was hat für Sie die Motivation für ein technisches Studium begründet und wie sind Sie am Ende zu Ihrem Beruf in der Transportbranche gekommen?
Ich hatte schon immer ein großes Interesse an technischen Dingen sowie Spaß am Entwerfen und Gestalten. Den Anstoß zum Bauingenieurstudium habe ich meinem Vater zu verdanken, der meinte: „Gebaut werden muss immer“. Das ich schließlich in der Transportbranche gelandet bin, war eher ein Zufall. Nach dem Studium habe ich mich direkt in Düsseldorf bei einem Ingenieurunternehmen aus der Mobilitätsbranche beworben. Der Job klang einfach spannend und auch die Stadt und die Firma haben mich vom Fleck weg neugierig gemacht. Nach dem Bewerbungsgespräch ging dann alles ganz schnell: Zusage, Umzug innerhalb einer Woche und sofortiger Start in einem spannenden Stadtbahnprojekt.

Mittlerweile verfügen Sie über viele Jahre Berufserfahrung als Ingenieurin – was macht aus Ihrer Sicht die Mobilitätsbranche immer noch besonders spannend?
Ich finde es unheimlich motivierend, dass momentan durch die Digitalisierung so viel Bewegung und Kreativität in der Branche ist: intelligente Transportsysteme, vernetzte Städte, autonomes Fahren und auch der Klimawandel erfordern es, zu reagieren und auch mal komplett neue Lösungen zu erdenken. Diese disruptiven Entwicklungen machen die Branche aktuell ungemein attraktiv.

Stichwort attraktiv: Wie sind Ihre Erfahrungen als Ingenieurin in der Mobilitätsbranche in Bezug auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie?
Tatsächlich kann ich aus meiner Erfahrung bei einem skandinavischen Unternehmen sagen, dass eine verlässliche Karriereplanung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf längst nicht mehr im Widerspruch zueinanderstehen müssen. Mein erstes Projekt bei Ramboll war zum Beispiel die Stadtbahn in Kopenhagen. Natürlich waren Aufenthalte vor Ort beim Kunden notwendig. Ich hatte aber flexible Arbeitszeiten und konnte stets auf die Hilfe meines Mannes und auf die Unterstützung meiner Kollegen bauen. Das war wichtig, denn mein Sohn ging zu dieser Zeit noch in den Kindergarten.

Bei anderen Unternehmen mag die Situation noch anders sein – ich glaube aber, dass jeder Arbeitgeber am Ende enorm davon profitiert, für Frauen und Männer gleichermaßen attraktiv zu sein. Schließlich geht die Babyboomer-Generation so langsam in Rente, derweil schreiten die Urbanisierung und der Klimawandel weiter voran. Um die drängenden Fragen unserer Zeit zu beantworten, können wir es uns schlichtweg nicht erlauben, auf gut ausgebildete Arbeitskräfte zu verzichten. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen.

Mit welchen Maßnahmen können Unternehmen als Arbeitgeber attraktiver werden und Fachkräfte beider Geschlechter für sich begeistern?
Flexibles Arbeiten und Home-Office sind nicht nur für Frauen einfache Mittel, Privates und Berufliches leichter unter einen Hut zu bekommen. Aber zu einem attraktiven Arbeitgeber gehört heute mehr: Eine gemeinsame Vision und das Gefühl, etwas Konkretes erreichen zu können, motiviert ungemein. Bei Ramboll arbeiten wir zum Beispiel daran, die Vision einer nachhaltigen Gesellschaft und der lebenswerten Stadt zu verwirklichen. Jeden Tag leben wir diese Werte und arbeiten an Lösungen, diesem Ziel näher zu kommen.

Sie engagieren sich auch im Netzwerk „Women in Mobility“, das sich für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen in der Mobilitätsbranche einsetzt. Wie soll dies erreicht werden und wie sieht Ihr Engagement hier konkret aus?
Die Women in Mobility bietet Frauen in der Mobilitätsbranche eine Plattform zum gemeinsamen Austausch, Netzwerken und gegenseitigem Empowerment. Dafür organisieren wir deutschlandweit regelmäßig Treffen und Veranstaltungen und nutzen intensiv die unterschiedlichen Social Media-Plattformen. Der Frauen-Anteil im Mobilitätsbereich beträgt momentan lediglich zirka 20 Prozent – das ist schlichtweg zu wenig. Die Women in Mobility wollen das nachhaltig ändern und verfolgen das Ziel, den Frauenanteil in der Transportbranche bis 2020 von aktuell 22 auf 40 Prozent zu erhöhen.

Ich selbst möchte einfach mehr Frauen für die spannenden Themen rund um die Mobilität begeistern. Women in Mobility bietet mir die Möglichkeit, mich direkt mit Kolleginnen aus dem Sektor zu vernetzen. In den Netzwerktreffen werde ich immer wieder neu inspiriert. Ich habe das Glück in einem Unternehmen zu arbeiten, bei dem Ingenieurinnen und Frauen in Führungspositionen keine Seltenheit sind und wo Diversität und gemischte Teams ganz selbstverständlich dazu gehören. Das ist auch einfach ein gutes Beispiel, das ich in der Branche teilen möchte.

Zu guter Letzt: Was ist Ihr „goldener Tipp“ für junge Ingenieurinnen?
Man und „Frau“ lebt von Möglichkeiten, also aktiver Unterstützung. Ich empfehle allen Berufseinsteigerinnen, sich eine Mentorin zu suchen und berufliche Netzwerke zu bilden, um die eigene Entwicklung zu unterstützen und Rat zu bekommen. „Women in Mobility“ kann der richtige Ort dafür sein. Außerdem sollte Jede und Jeder die eigenen Wünsche und Karrierevorstellungen klar kommunizieren und einfordern. Dabei hilft es, sich nicht vorschnell festlegen zu lassen und immer mal wieder über den Tellerrand zu schauen.

https://www.womeninmobility.de/
Women in Mobility bei Twitter: @womeninmobility

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