Digitale Souveränität braucht souveräne Entscheidungen

Statement von Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug

Wörrlein, Digitale Souveränität

Quelle: VNC

Der Begriff „digitale Transformation“ ist bei genauerem Hinsehen eine hübsche Verniedlichung. Tatsächlich erleben wir nichts weniger als eine weltweite Revolution, die durch die rapide wachsende Flut selbstlernender und -optimierender Maschinen ausgelöst wird und in ihren Dimensionen nur mit der ersten industriellen Revolution vergleichbar ist. So wie die Dampfmaschinen zuerst wirtschaftliche und dann gesellschaftliche Strukturen durcheinandergewirbelt haben, so werden auch künstliche Intelligenz und Machine Learning zu massiven Veränderungen unserer Lebenswelten führen, deren konkrete Konsequenzen wir aktuell nur erahnen können. Einen Ausstieg aus dieser Entwicklung kann und wird es nicht geben – noch nicht mal ein Abwarten. Die entscheidende Frage ist: Gestalten wir diese Entwicklung aktiv nach eigenen Vorstellungen und Werten mit oder lassen wir uns von den Schnelleren und/oder Clevereren überrollen? Es wäre vermessen zu behaupten, Deutschland stünde aktuell an der Spitze der digitalen Revolution. Die Pace machen andere. Um so wichtiger ist es, die Voraussetzungen und Freiräume für eine digitale Gesellschaft zu schaffen, die sich aus sich selbst heraus organisiert. Daraus resultiert die Frage nach den aktuellen Abhängigkeiten und Limitierungen bei der Gestaltung des Umbruchs. 

Nicht nur die Politik in der Verantwortung

Das ist in erster Linie eine Aufforderung an die Politik. Sie darf sich allerdings nicht in einem Forderungskatalog an staatliche Institutionen erschöpfen nach dem Motto: Gebt uns mehr Fördermittel, mehr Programme, mehr Gremien und weniger Regulierung – und alles wird gut! So einfach ist weder digitaler Fortschritt noch digitale Souveränität zu haben. Die politischen Institutionen sind vordringlich auf zwei Feldern gefordert: Sie müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine fair und nachvollziehbar geregelte Digitalökonomie schaffen und die Investitionen in eine leistungsfähige, sichere und unabhängige Infrastruktur bereitstellen, auf der diese Digitalökonomie prosperieren kann. Eine flächendeckende Breitbandausstattung wäre der erste, aber nur ein kleiner Schritt zu einer digitalisierungskonformen Infrastruktur. Die Erfahrungen in der Pandemie zeigen, wie wichtig Krisenresilienz ist. Besonders deutlich und schmerzhaft ist das aktuell an der Fragilität von Lieferketten und Just-in-Time-Produktion erfahrbar. Übertragen auf die digitale Infrastruktur bedeutet das: Stabilität und Sicherheit sind mit fremdgesteuerten und -kontrollierten Plattformen nicht vereinbar. Robuste, ausfallsichere IT-Infrastruktur kann nur mit einem hohen Anteil von Technologie aus Deutschland und Europa samt eigenem Hosting erreicht werden. Aber das allein reicht noch nicht, denn Recht ist „nur“ der Rahmen, und Hardware „nur“ die Basis für die softwaregesteuerte Disruption, die wir gerade erleben. 

Deutschland & Europa als Hort für Internationale Intelligenz

Der Kern digitaler Souveränität ist die Software. Und die kann, so paradox das auf Anhieb klingen mag, von einer weltweiten Open-Source-Community nicht nur im Krisenfall weitaus schneller entwickelt, adaptiert, geändert und gesichert werden, als das mit Closed Source möglich ist. Die lässt sich mit ihren limitierten Ressourcen, systemimmanenten Einschränkungen, fragwürdigen Rechtsgrundlagen und undurchsichtigen Vermarktungsmechanismen nicht mit der Souveränität digitalen Handels vereinbaren. Um mit dem Tempo der Software-Entwicklung Schritt zu halten und in der Open-Source-Community eine eigene kompetente, gestaltende Stimme zu haben, braucht es einen Stopp des Brain Drain, also des Abflusses natürlicher, sprich menschlicher, inländischer Intelligenz. Ohne die Kreativität qualifizierter IT-Entwickler sind externe Abhängigkeiten vorprogrammiert. Das ist eines der Handlungsfelder, auf dem auch Industrie und Wirtschaft gefordert sind. Der dramatische Mangel an IT-Experten kann mittel- und langfristig nur mit attraktiven Arbeitsplätzen und verlockenden Entwicklungschancen behoben – und vielleicht sogar umgekehrt werden. Deutschland und Europa als Hort für internationale Intelligenz und Kreativität, das wäre tatsächlich ein faszinierendes Szenario, weit über den Aufbau einer robusten digitalen Souveränität hinaus. Bei der Umsetzung dieses Talentzuwachses oder Brain Gain steht auch die IT-Branche selbst in der Pflicht, eigene praktikable Konzepte und Lösungen zu entwickeln.


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